
Die Umsetzung der Pflegeinitiative ist für die Spitäler und Kliniken mehr als ein politischer Auftrag. Sie erinnert an den Kern unseres Gesundheitswesens: Gute Versorgung entsteht dort, wo Menschen ihre Arbeit mit Kompetenz, Erfahrung und Verlässlichkeit leisten können. In einem Akutspital, in der Rehabilitation oder in der Psychiatrie zeigt sich jeden Tag, ob die Rahmenbedingungen für die Fachkräfte die richtigen sind oder nicht. H+ unterstützt bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege klar.
Wer qualifizierte Fachpersonen im Beruf halten, Teams stabilisieren und die Versorgung der Patientinnen und Patienten sichern will, muss den Arbeitsalltag des Pflegepersonals verbessern – damit wird auch die finanzielle Gesundheit der Spitäler gesichert.
Der Nationalrat hat das Bundesgesetz über die Arbeitsbedingungen in der Pflege (BGAP) in der Sondersession 2026 angenommen, aber gegenüber dem bundesrätlichen Entwurf redimensioniert:
In Übereinstimmung mit H+ verzichtet er unter anderem auf eine Senkung der wöchentlichen Höchstarbeitszeit auf 45 Stunden und auf eine Kompetenz des Bundesrates, die Normalarbeitszeit weiter zu senken. Gleichzeitig beschloss er Zuschläge, Regeln zu Überstunden, Dienstplan-Abweichungen sowie Auflagen zur Personalausstattung durch die Kantone und die Verpflichtung Gesamtarbeitsverträge (GAV) zu verhandeln – Vorgaben, die H+ als zu starr ablehnt.
Besonders wichtig: Die durch das neue Gesetz verursachten Mehrkosten sollen grundsätzlich und langfristig über die Tarife finanziert werden. Dieser Grundsatz soll auch im Gesetz verankert werden. Das entspricht der Kernforderung von H+. Nun ist der Ständerat am Zug.
Für H+ ist die Finanzierungslösung zentral: Verbesserungen, die nicht finanziert sind, bleiben nicht nur wirkungslos, sondern gefährden andere Bereiche der Versorgung. Spitäler und Kliniken können neue gesetzliche Pflichten nicht aus Reserven finanzieren, die vielerorts gar nicht vorhanden sind. Die Folge wären weitere Sparmassnahmen und fehlende Investitionen. Wer bessere Arbeitsbedingungen will, muss ihre Umsetzung ermöglichen – organisatorisch, aber auch finanziell.
Die Spitäler und Kliniken brauchen zudem Spielraum und Freiheiten. Die Realität eines Regionalspitals unterscheidet sich von jener einer Universitätsklinik, einer Rehabilitationsklinik oder einer Psychiatrie. Innerhalb eines Hauses arbeiten Pflege, Medizin, Therapien, Hotellerie, Technik und Administration zudem eng zusammen. Werden für einzelne Berufsgruppen Sonderregeln geschaffen, kann dies Ungleichbehandlungen zwischen den Berufsgruppen auslösen. Gute Arbeitsbedingungen müssen deshalb so gestaltet werden, dass der innerbetriebliche Zusammenhalt nicht geschwächt wird.
Die besten Lösungen entstehen dort, wo die Arbeit auch tatsächlich geleistet wird. Das zeigen zwei Beispiele für spürbar bessere Arbeitsbedingungen, die auch für die Betriebe wirtschaftlich ein Erfolg sind. Das Spital Bülach zeigt mit seinem weiterentwickelten Arbeitszeitmodell (siehe auch Ein wirksamer Ansatz – auch gegen Absentismus), wie Flexibilität, Planbarkeit und Anerkennung kombiniert werden können. Mitarbeitende wählen je nach Lebenssituation zwischen mehreren Flexibilitätsstufen. Fluktuation, Temporäreinsätze und Absenzen gingen durch dieses Modell deutlich zurück. Die Universitäre Altersmedizin Felix Platter senkte im Schichtdienst bei gleichem Lohn die Wochenarbeitszeit, ermöglicht durch optimierte Abläufe auf den Stationen. Solche Beispiele zeigen: Veränderungen finden bereits statt und wirken dann am besten, wenn sie zur Situation vor Ort passen.
Die Umsetzung der Pflegeinitiative muss darum drei Bedingungen erfüllen: Sie muss den Pflegenden im Alltag tatsächlich nützen, sie darf einzelne Berufsgruppen nicht bevorteilen, da dies das innerbetriebliche Gleichgewicht stört und sie muss finanziert sein. So profitieren nicht nur die Mitarbeitenden sondern auch die Patientinnen und Patienten.
H+ will diese Entwicklung aktiv begleiten: Der Verband sammelt Praxisbeispiele aus den Spitälern und Kliniken, macht sie sichtbar und fördert den Austausch zwischen den Institutionen (siehe auch Regionale Meetings von H+: Das Beispiel Neuenburg). Was in Bülach oder Basel funktioniert, kann anderswo Impulse geben. H+ lädt seine Mitglieder ein, eigene Erfahrungen einzubringen und gemeinsam Lösungen weiterzuentwickeln, die im Alltag bestehen. Gute Pflege entsteht nicht durch Gesetze allein. Sie entsteht durch motiviertes Personal und durch Institutionen, die bereit sind, voneinander zu lernen.
Im Rahmen seiner Strategie 2030+ setzt sich H+ zudem für die Transformation der Spitallandschaft ein. Gute Arbeitsbedingungen hängen nicht nur von Arbeitszeitmodellen oder Personalschlüsseln ab, sondern auch davon, wie Versorgung insgesamt organisiert wird. Eine abgestufte Versorgung mit besserer Koordination zwischen den Institutionen kann Doppelspurigkeiten reduzieren, Rollen klären und die Teams entlasten.
Die Ambulantisierung kann – dort, wo sie medizinisch sinnvoll und ausreichend finanziert ist – ebenfalls dazu beitragen, Ressourcen gezielter einzusetzen und die Attraktivität der Berufe zu stärken. Schliesslich soll die Digitalisierung mit interoperablen Instrumenten, vereinfachten Prozessen und einer Reduktion administrativer Belastungen ermöglichen, dass Fachpersonen wieder mehr Zeit für Patientinnen und Patienten haben. Für H+ führt die Verbesserung der Arbeitsbedingungen deshalb auch über eine kohärente und nachhaltige Transformation des Gesundheitssystems.
Gute Pflege entsteht nicht durch Gesetze allein. Sie entsteht durch motiviertes Personal, durch Institutionen, die bereit sind, voneinander zu lernen, und durch ein System, das die Voraussetzungen schafft, damit Gesundheitsberufe langfristig attraktiv und nachhaltig ausgeübt werden können.
Erfüllung im Beruf alleine reicht nicht
Die Pflegeberufe weisen gemäss einer aktuellen Sotomo/MKM-Studie besonders hohe Zufriedenheitswerte auf. Acht von zehn Beschäftigten geben an, einer sinnvollen Tätigkeit nachzugehen. Ältere Arbeitnehmende empfinden besonders häufig Erfüllung und Stolz. Gleichzeitig zeigt die Studie: Sinn allein reicht nicht.
Bei der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben besteht Verbesserungspotenzial. Auch der Lohn allein löst die Herausforderungen nicht. Entscheidend sind tragfähige strukturelle Rahmenbedingungen: planbare Dienste, verlässliche Entlastung und faire Arbeitsmodelle. Genau hier setzt H+ an: bessere Arbeitsbedingungen ja, aber praxistauglich, betrieblich umsetzbar und finanziert.
Beitragsbild: Canva