Dr. Gianni Roberto Rossi, CEO der Suva-Kliniken Sion und Bellikon
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19. März 2026

Interview mit Gianni R. Rossi

«Wenn das Netz trägt: Die Stunde der Kooperation»

«Es ist wichtig hinzuschauen, was bei der Versorgung der Brandopfer von Crans-Montana gut funktioniert (hat). Die Reha-Expert:innen wurden früh eingebunden. Die Koordination von der Unfallstelle bis zur Rückkehr der Patient:innen aus dem Ausland funktioniert aufgrund jahrelanger Erfahrung sehr gut», sagt Dr. Gianni R. Rossi, CEO der Suva-Kliniken und Vizepräsident von H+.
Competence Martina Greiter

Autorin

Martina Greiter

Redaktorin Competence deutsche Schweiz

martina.greiter@hplus.ch

Herr Rossi, mit Blick auf das Brandunglück in Crans-Montana – wie hat das Schweizer Versorgungssystem für Verbrennungsopfer funktioniert?

Die Erstversorgung, die Triagierung und die Verlegung der Verletzten auf Spitäler in der Schweiz und im Ausland hat meines Erachtens gut funktioniert. Die Rettungskräfte waren schnell vor Ort, die Ersttriagierung funktionierte, und die Patient:innen wurden gezielt den geeigneten Akutspitälern in der Schweiz oder Zentren im Ausland zugewiesen. Alle Akteure – inklusive der Suva-Kliniken – wurden frühzeitig in die weiteren Prozesse involviert.

Gerade in der komplexen Unfallrehabilitation ist eine nahtlose, gut abgestimmte, integrierte Versorgung entscheidend – dieses Modell leben wir seit Jahren.

Und aus Sicht der Suva-Kliniken?

Dank unserer Erfahrung in der komplexen Unfallrehabilitation an beiden Klinikstandorten in Sion und Bellikon haben wir die Flexibilität, mehr Patient:innen als üblich zu behandeln. Die intensive Zusammenarbeit der beiden Kliniken und die konstante Koordination mit den Behörden funktioniert gut. Unsere Mitarbeitenden aus verschiedensten Berufsgruppen können die hochspezialisierte Betreuung aller Patient:innen gewährleisten und sie so auf dem Weg zurück ins Leben begleiten.

Wie gut funktioniert(e) die Schnittstelle zwischen der Akutversorgung im Spital und der Rehabilitationsphase?

Gerade in der komplexen Unfallrehabilitation ist eine nahtlose, gut abgestimmte, integrierte Versorgung entscheidend. Dieses Modell leben wir seit Jahren – nicht nur bei Brandverletzten, sondern auch bei Polytraumata und anderen schweren Unfallfolgen. Bereits in der Phase der Akutbehandlung wie auch in der Rehabilitation arbeiten spezialisierte Akutspitäler wie das USZ oder das CHUV eng mit den interdisziplinären Reha-Teams der Suva-Kliniken zusammen. Der frühzeitige Einbezug der Rehabilitationsmedizin bei der Beurteilung und Triagierung der Patient:innen ist zentral für einen erfolgreichen Behandlungsverlauf.

Wie wurde diese Kooperation im Fall von Crans-Montana konkret organisiert?

Ich habe mich dafür ausgesprochen, dass alle Patient:innen, auch jene die aus dem Ausland zurückkehren, womöglich zuerst den spezialisierten Schweizer Universitätsspitälern zugewiesen und erst in einem weiteren Schritt in die Rehabilitation überführt werden. Auf diese Weise lernen die Universitätsspitäler die Patient:innen kennen, was die weitere Zusammenarbeit vereinfacht(e) – wenn beispielsweise in der Rehabilitationsphase eine Rückverlegung oder eine weitere Behandlung in den Akutbereich notwendig wird.

Um eine optimal abgestimmte Versorgung zu gewährleisten, entsandten die Suva-Kliniken Expertenteams zu Fachkolleg:innen in mehreren europäischen Partnerländern.

Sind die Suva-Kliniken auch in den Prozess der Rückführung von Betroffenen aus ausländischen Akutspitälern involviert?

Zum einen entsandten die Suva-Kliniken Expertenteams zu Fachkolleg:innen in mehreren europäischen Partnerländern, um sich optimal untereinander abzustimmen. Zum anderen waren die Rehabilitationsmediziner von Anfang an im Medical Board vertreten, das im Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS) angegliedert ist und die Triagierung und Auslandkontakte koordiniert. Dabei ist zu erwähnen, dass bei den in die Schweiz rückgeführten leichter betroffenen Patient:innen die Wahrscheinlichkeit gering ist, dass sie eine Nachbetreuung im Akutspital benötigen.

Inwieweit hat sich die Koordination des bestehenden Versorgungsnetzes in dieser Ausnahmesituation bewährt?

Die funktionierende Koordination und Zusammenarbeit aller beteiligten medizinischen Institutionen ist bereits seit vielen Jahren ein wichtiger Eckpfeiler für die komplexe Unfallrehabilitation, übrigens nicht nur bei Brandverletzten und bei Grossereignissen. Davon profitieren nun alle Beteiligten und nicht zuletzt die Betroffenen auch in dieser Ausnahmesituation. Die rasche Hilfe aus dem In- und Ausland zur Aufnahme von Verletzten hat es zudem ermöglicht, die Kapazitäten der Akutspitäler der Region zu entlasten.

Die Antwort auf solche Grossereignisse kann aus meiner Sicht nur unter Einbezug unserer Partner aus dem nahen Ausland erfolgen.

Was kann die Schweiz aus den Erfahrungen im Bereich der internationalen Kooperation lernen?

Die Zusammenarbeit hat sehr gut funktioniert. Die Antwort auf solche Grossereignisse kann aus meiner Sicht nur unter Einbezug unserer Partner aus dem nahen Ausland erfolgen. Wir streben bei hochspezialisierten Behandlungen an, die Abstimmung und Definition von gemeinsamen Prozessen mit Institutionen im Ausland noch zu verbessern. Künftig muss aus meiner Sicht eine geregelte Koordination mit den Nachbarstaaten gewährleistet sein.

Und angesichts der nationalen Kooperation?

Es gilt in der Tat auch auf nationaler Ebene zu prüfen, ob das Zusammenspiel zwischen allen Akteuren und Institutionen des integrierten Versorgungsmodells gut funktioniert(e) – mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz BABS als zentraler Koordinationsstelle. 

Verbesserungspotenzial besteht, aber es ist ebenso wichtig genau hinzuschauen, was gut funktioniert hat.

Wenn Sie aus dem Fall Crans-Montana eine zentrale Lehre für die künftige Schweizer Krisen- und Katastrophenmedizin ziehen müssten?

Verbesserungspotenzial besteht – wie in jedem System – indem Prozesse klarer definiert werden, insbesondere bei hochspezialisierten Leistungen und der internationalen Koordination. Ziel muss sein, bestehende Abläufe regelmässig zu überprüfen und im Sinne einer noch engeren Abstimmung weiterzuentwickeln.

Eine kritische Überprüfung ist daher sicherlich wichtig. Ebenso zentral ist es aber auch, genau hinzuschauen, was gut funktioniert hat – auch im Sinne einer Wertschätzung des grossen täglichen Engagements aller Mitarbeitenden unserer Schweizer und der ausländischen Spitäler, die sich um die Opfer von Crans-Montana gekümmert haben und sich auch weiterhin kümmern.

Beitragsbild: Dr. Gianni R. Rossi, CEO der Suva-Kliniken Sion und Bellikon (zvg).

   

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