
Esther Gerrits: Die EFFORT-Studie ist eine Landmarkstudie, die den klinischen Nutzen der individualisierten Ernährungstherapie klar belegt. Wie beispielsweise die Antibiotika- oder die Herzinsuffizienztherapie, soll die Ernährungstherapie als wichtiger Bestandteil der Gesamttherapie verstanden werden. Eine individuell angepasste Ernährung der Patient:innen ist laut der EFFORT-Studie und gemäss eigenen Untersuchungen auch aus gesundheitsökonomischer Sicht sinnvoll. Sie erweist sich als kosteneffektiv, unter anderem weil sie schwerwiegende Komplikationen reduzieren und die Aufenthaltsdauer verkürzen kann. Zudem können durch eine korrekte Codierung von Mangelernährung zusätzliche Erlöse erzielt werden.


Maya Rühlin: Mit individualisierter Ernährungstherapie ist es bereits vor der EFFORT-Studie gelungen, eine adäquate Energie- und Proteinabdeckung der Patient:innen zu erreichen. Die klare Evidenz der Studie bestärkte die Umsetzung ernährungstherapeutischer Ziele und Massnahmen.
Die individualisierte Ernährungstherapie ist nachweislich wirksam und kosteneffizient.
Esther Gerrits
Esther Gerrits: Wir führen möglichst innerhalb der ersten 24 bis 48 Stunden nach dem Eintritt der Patient:innen während der Arztvisite ein Nutritional Risk Screening (NRS)¹ durch. Dieses ist in unserem Klinikinformationssystem integriert. Für ein flächendeckendes Screening braucht es aber weiterhin einen grossen Effort. Beim ganzen Ernährungsmanagement ist die Zusammenarbeit zwischen Pflege, Ärzteschaft, Ernährungsberatung und Hotellerie bzw. Diätküche sehr wichtig.
Erkenntnisse aus der EFFORT-Studie
Die randomisierte, multizentrische EFFORT-Studie (publ. Lancet 2019) wies nach, dass individualisierte Ernährungstherapie im Vergleich zu üblicher Spitalkost die tägliche Energie- und Proteinzufuhr erhöht. Im 30‑Tage‑Fenster nach Studienbeginn senkte sie ferner das Risiko für unerwünschte klinische Ereignisse und Mortalität. Im selben Zeitraum verbesserte die individualisierte Ernährungstherapie zudem den funktionellen Status und die Lebensqualität der entsprechenden Kontrollgruppe – ohne erkennbare Zunahme von unerwünschten Ereignissen aufgrund der Intervention.
M. Rühlin: Mittlerweile wurden circa sieben Prozent aller stationären Patient:innen mit einer codierten Mangelernährung nachgewiesen – die Zahlen des BFS zeigen also, dass die erwünschte Entwicklung bei der Umsetzung bereits im Gange ist.
E. Gerrits: Für nachbehandelnde Ärzt:innen, Institutionen und andere involvierte Organisationen wie die Spitex ist es wichtig, im Austrittsbericht nicht nur die Lungenentzündung zu sehen, sondern auch die Diagnose Mangelernährung – eine wichtige Basis für eine gelingende integrierte Versorgung.
Mit Spannung erwarten wir die Ergebnisse der EFFORT II-Studie. Sie untersucht den Einfluss einer ambulant fortgesetzten individualisierten Ernährungstherapie.
Esther Gerrits
M. Rühlin: Unser Ziel ist es, Patient:innen so früh wie möglich mit einer lückenlosen ernährungstherapeutischen Versorgung – z.B. mit künstlicher Ernährung – nach Hause zu entlassen. Die ernährungstherapeutische Betreuung gewährleisten wir im ambulanten Setting weiter, mit der Überzeugung, dass diese Patient:innen klinisch und persönlich davon profitieren.
E. Gerrits: Mit Spannung erwarten wir die Ergebnisse der EFFORT II-Studie. Sie untersucht den Einfluss einer ambulant fortgesetzten individualisierten Ernährungstherapie mit Blick auf die Überlebensrate dieser Patient:innen, den funktionellen Status und die Komplikations- und Rehospitalisationsrate – im Vergleich zu Patient:innen ohne entsprechende ambulante Nachsorge.
E. Gerrits: Ein Fortschritt wäre die Einführung von ernährungsmedizinischen Fachvisiten. Solche führen wir in komplexen Fällen aktuell durch, jedoch noch nicht flächendeckend. Viel Potenzial bergen ferner KI-Lösungen, so etwa zur flächendeckenden Erfassung der Nahrungszufuhr im Spital. Hierzu hat das KSW 2026 ein wegweisendes Pilotprojekt mit einem Foodtracker durchgeführt – eine KI-basierte Technologie mit sehr präzisen Messergebnissen.
M. Rühlin: In ärztlich delegierten Bereichen würden erweiterte Kompetenzen der klinisch tätigen Ernährungsberater:innen ferner zu effizienteren Prozessen im Mangelernährungsmanagement führen – so beispielsweise bei der Verschreibung von bestimmten ernährungsmedizinischen Massnahmen.
Breite Umsetzung als Teil des Qualitätsvertrags nach Art. 58a KVG
Die Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Metabolismus Schweiz (GESKES) lieferte die medizinischen Grundlagen und Leitlinien für die 2023 publizierte Verbesserungsmassnahme (VM): Management der Mangelernährung. Sie wird als Teil des Qualitätsvertrags nach Art. 58a KVG von H+ mit den Versicherern umgesetzt – in Spitälern und Kliniken der Akutsomatik, Psychiatrie und Rehabilitation. Ziel der VM ist es, das Mangelernährungsmanagement als integralen Bestandteil der Behandlungsqualität im Qualitätsmanagement der Spitäler zu verankern.
Die wichtigsten Handlungsschritte sind dabei: Mangelernährungsscreening, Ernährungsassessment, Ernährungstherapie und Dokumentation sowie Austrittsmanagement.
1Das Screening-Instrument «Nutritional Risk Screening» (NRS-2002) basiert auf der Annahme, dass das Mangelernährungsrisiko sowohl vom Ernährungszustand als auch von der Krankheitsschwere und dem Alter der Patient:innen abhängig ist.
Beitragsbild: Die Patientin profitiert bereits im Spital von einer individuellen Ernährungstherapie – mit weniger Beschwerden und mehr Lebensqualität. (Foto: KSW)