
Ein Beispiel aus dem Alltag: Pflegefachfrau Petra K. (Name geändert) ist auf dem Weg zum Spätdienst, als ihr Telefon läutet. Ihr Vater spricht hastig: «Mama ist schwer gestürzt und nun bewusstlos im Spital. Bitte komm so schnell wie möglich.»
Angehörige sind wichtige Stützen der Gesundheitsversorgung. Was aber, wenn sie wie Petra K. erwerbstätig sind und zudem einen Gesundheitsberuf ausüben?
Unter dem Begriffspaar «work & care» forschen die Autor:innen seit gut 20 Jahren zur Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Angehörigenpflege, seit 2015 auch zur Doppelrolle von erwerbstätigen Gesundheitsfachpersonen als pflegende Angehörige. Diese Doppelrolle wird bislang im Gesundheitswesen nur selten angesprochen – trotz virulentem Fachkräftemangel. Deshalb lancierten die Autor:innen 2024 das Pilotprogramm «DorA» (kurz: Doppelrolle von Angehörigen), um die Vereinbarkeitskompetenz in Gesundheitsbetrieben zu fördern.
Die vier Programmteile des DorA-Pilotprogramms

Finanziert vom Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann führten die Autor:innen zwei Jahre lang das DorA-Pilotprogramm durch. Dieses richtet sich an vier relevante Gruppen in Betrieben: a) Mitarbeitende in der Doppelrolle, b) Führungspersonen, c) Personalverantwortliche und d) Verantwortliche der Berufsbildung.
Die Vereinbarkeitskompetenz wurde mit folgenden Massnahmen gestärkt:
Alle Gesundheitsfachpersonen können wegen Krankheit, Unfall, Geburtsgebrechen oder Hochaltrigkeit in ihrem Privatleben in die Doppelrolle geraten. Bei Petra K., einer Teilnehmerin im DorA Programm, kam der Hilfebedarf plötzlich und unerwartet, bei anderen entwickelt er sich langsam. Sie war in räumlicher Nähe zu ihren Eltern, aber andere leben weit entfernt.
Die Angehörigen und auch die Leistungserbringer haben hohe Erwartungen an die Gesundheitsprofis mit Doppelrolle – «du bist ja vom Fach», heisst es oft. Doch die Doppelrolle will gelernt sein, denn Erfordernisse, Wissen, Belastung, Dauer oder der Bedarf an Unterstützungsleistungen sind individuell sehr verschieden. Auch Gesundheitsfachpersonen fordern viel von sich selber. So geraten sie teils rasch in Situationen mit grossen Herausforderungen hinsichtlich der Vereinbarkeit ihrer Erwerbstätigkeit mit der Angehörigenpflege. Dies kann letztlich zur Reduktion ihres Erwerbspensums oder gar zu ungewollter Kündigung führen.
Bei Petra K. wurde dies vermieden: «Ich war sehr froh, dass mir mein Arbeitgeber so unbürokratisch ermöglicht hat, bei meiner Mutter zu sein. Es war anfangs unklar, wie es ausgehen wird. Besonders meine Stationsleitung hat mir sehr geholfen.» Was aber, wenn die Situation andauert? Wer bietet ihr ein nachhaltiges Vereinbarkeitsarrangement?
Die Erfahrungen der Teilnehmenden zum Pilotprogramm DorA zeigen, wie drängend ihre Fragen sind und wie dringend es tragfähige betriebliche Lösungen braucht, um gerade bei langjährigen Betreuungssituationen Personalausfälle zu reduzieren. Das Pilotprogramm «DorA» dauert bis 2026 und soll danach fortgesetzt werden. Es gibt vielfältige Impulse, die als Informationsquellen für die bessere Vereinbarkeit im Gesundheitswesen genutzt werden können wie z.B. das digitale ABC (www.workand.care/dora).
Das Pilotprogramm DorA bringt mit dem Motto «Wir müssen reden» die zentrale Erkenntnis aus der Umsetzung auf den Punkt. Eine proaktive Kommunikation zur Doppelrolle gehört zu einer pflegesensiblen Unternehmenskultur. Dies trägt zur Arbeitsfähigkeit der Mitarbeitenden bei, fördert ihre Lebensqualität und verhindert einen vorzeitigen Ausstieg aus dem Beruf.
Beitragsbild: Es braucht tragfähige Lösungen, um gerade bei langjährigen Betreuungssituationen Personalausfälle zu reduzieren. (Foto: Canva)