

Sehr viel. In meinem Alltag als Ärztin sehe ich sehr konkret, wo im Gesundheitswesen der Schuh drückt und wo wir ansetzen können, damit medizinische Versorgung qualitativ hochstehend und bezahlbar ist. Und als Politikerin kann ich dies dorthin tragen, wo Regeln entstehen und Geld zugeteilt wird. Gleichzeitig merke ich immer wieder, dass medizinisches Wissen, das für uns im Spital selbstverständlich ist, in der Bevölkerung und auch in der Politik teilweise gar nicht vorhanden ist. Wenn ich im Parlament 245 Ratsmitglieder erreiche, die alle wieder eine Verstärkerfunktion haben, ist das eine grosse Chance.
Gendermedizin. Oder vielleicht besser: individualisierte Medizin. Das Wort Gender löst gerade bei bürgerlichen Politiker:innen rasch Abwehrreflexe aus. Da ist die Debatte manchmal zu Ende, bevor sie überhaupt begonnen hat. Wenn ich aber sage: Wir wollen Medizin genauer auf den einzelnen Menschen ausrichten, dann verstehen viele sofort, worum es geht.
Medizin individuell auf den einzelnen Menschen auszurichten, ist für viele verständlicher als der Begriff Gendermedizin, der gerade bei bürgerlichen Politiker:innen Abwehrreflexe auslöst.
Ich würde sagen: Ich übersetze ihn. Als Politikerin weiss ich, der Name oder – wenn man so will – das «Label» ist zentral. Wenn man etwas in der Bevölkerung verankern will, braucht es ein Wort, das nicht zuerst Widerstand auslöst. Gendermedizin meint ja nicht einfach: Frauen sind anders als Männer. Es geht um biologische Unterschiede, aber auch um Rollenbilder, Lebensbedingungen, Gesundheitsverhalten und gesellschaftliche Erwartungen. Das steckt im englischen Wort Gender drin, lässt sich auf Deutsch aber nicht so leicht übersetzen.
Im Kinderspital berechnen wir Medikamente bei Kindern sehr genau nach Gewicht. Bei Erwachsenen geben wir dagegen oft eine Einheitsdosis: Mann, Frau, 50 Kilo, 120 Kilo – alles gleich. Das kann doch nicht die Zukunft sein. Eine zierliche Frau und ein schwerer, muskulöser oder adipöser Mann verarbeiten Medikamente nicht automatisch gleich. Wir müssen genauer hinschauen.
Ja. Wir sprechen viel von Präzisionsmedizin, aber im Alltag behandeln wir gelegentlich erstaunlich unpräzis. Dabei wissen wir längst, dass Körperbau, Fett- und Muskelanteil, Hormone, Enzymaktivität oder der Stoffwechsel die Wirkung der Medikamente beeinflussen.
Bei Erwachsenen geben wir oft eine Einheitsdosis – eine zierliche Frau und ein schwerer Mann verarbeiten Medikamente aber nicht automatisch gleich. Wir müssen genauer hinschauen.
Ein Beispiel sind Immunsuppressiva: Sie werden bei Frauen schneller abgebaut, Frauen bräuchten für dieselbe Wirkung also eher mehr davon als Männer. Bei gewissen Blutdrucksenkern ist es umgekehrt: Männer bauen sie schneller ab, Frauen können mit einer männlich geprägten Dosierung eher überdosiert sein. Bei einigen Schlafmitteln wie Zolpidem zum Beispiel wurde festgestellt, dass Frauen den Wirkstoff durchschnittlich langsamer abbauen. Dadurch waren am nächsten Morgen noch höhere Wirkstoffspiegel vorhanden, was das Risiko für Müdigkeit und Verkehrsunfälle erhöhte. Deshalb wurden in einigen Ländern niedrigere Anfangsdosen für Frauen empfohlen. Auch bei bestimmten Herzmedikamenten, Antidepressiva und Schmerzmitteln können geschlechtsspezifische Unterschiede klinisch relevant sein.
Ja, das ist zu eng gefasst. Männer profitieren genauso. Ein gutes Beispiel ist die Osteoporose. Viele halten sie für eine klassische Frauenkrankheit. Dabei sind auch Männer betroffen, häufiger, als man lange dachte. Wenn ihr Testosteron im Alter sinkt, kann auch bei Männern die Knochendichte abnehmen. Wer nur an Frauen denkt, übersieht also hier die Männer.
Das würde nicht ausreichen, weil Medizin immer auch mit Verhalten, Sprache und Erwartungen zu tun hat. Eine Anamnese ist enorm wichtig; als Faustregel sagt man, sie macht in der Regel 60-80 Prozent der Diagnose aus. Wenn eine Patientin ihre Beschwerden anders schildert, wenn sie nicht ernst genommen wird oder wenn ein Arzt oder die Ärztin bestimmte Signale nicht richtig einordnet, geht Information verloren. Dann ist die Medizin schlechter, obwohl vielleicht alle Laborwerte stimmen.
Gendermedizin muss selbstverständlich werden. Wenn Unterschiede in den Arzneimittelinformationen stehen, lernen Studierende sie automatisch.
Sie kann Teil des Problems sein, ja. Frauen treten in der Anamnese unter Umständen anders auf als Männer. Das sind keine Nebensächlichkeiten. Wenn Ärzt:innen das wissen, fragen sie anders, hören anders zu und kommen schneller zu den Informationen, die sie brauchen.
Gendermedizin muss selbstverständlich werden. Wenn Unterschiede in den Arzneimittelinformationen stehen, lernen Studierende sie automatisch. Das hätte einen Pop-up-Effekt. Dazu braucht es Lehrstühle, Lehrveranstaltungen und Menschen, die das Thema im Alltag der Medizin vertreten. Zürich hat mit dem ersten Lehrstuhl für Gendermedizin einen wichtigen Schritt gemacht, Bern ebenfalls. Aber bis so ein Wissen wirklich in der Klinik ankommt, dauert es.
Wir sind daran, eine parlamentarische Gruppe zur Frauengesundheit aufzubauen.
Über Aufklärung, über parlamentarische Arbeit und über Aufteilung von Finanzierungen. Ich habe dazu bereits einen Roundtable mit dem BAG organisiert. Zudem sind wir daran, eine parlamentarische Gruppe zur Frauengesundheit aufzubauen. Wenn Studien gut designt sind, sollten Genderaspekte bei der Vergabe von Geldern stärker berücksichtigt werden. Das ist sinnvoll investiertes Geld.
Weil bessere Medizin bessere Resultate bringt. Wenn wir Medikamente richtig dosieren, haben Patient:innen weniger Nebenwirkungen und bessere Wirkungen. Weniger Nebenwirkungen bedeuten weniger Folgekosten. Das ist eine logische Kausalkette. Man muss nicht zuerst ideologisch überzeugt sein, um zu sehen, dass das vernünftig ist.
Ich würde wollen, dass individualisierte Medizin im Gesundheitswesen eine etablierte Grösse wird. Sie soll kein Spezialthema bleiben, sondern ein selbstverständlicher Parameter in Forschung, Ausbildung und klinischer Praxis.
1Das Interview führte Marita Fuchs, freie Journalistin
Dr. med. Bettina Balmer wird am Swiss Gender Medicine Symposium ein Impuls-Referat halten am Montag, 26. Oktober, 14:45 Uhr: «The Role of Politics for Equitable Health»
Wo Evidenz auf Praxis trifft
Am 26. und 27. Oktober 2026 findet im Kursaal Bern das Swiss Gender Medicine Symposium statt – die interdisziplinäre Plattform für geschlechtsspezifische Medizin an der Schnittstelle von Forschung, Klinik und Gesundheitspolitik, mit Vertreterinnen und Vertretern aller fünf medizinischen Fakultäten der Schweiz. Geschlechtsspezifische Unterschiede in Pharmakologie, Diagnostik und Leitlinien sind klinisch relevant – und werden zu oft übersehen. Das Programm verbindet Keynotes, wissenschaftliche Sessions und Praxisformate zu Men’s Health, KI und Bias in Big Data.
Swiss Gender Medicine Symposium: www.swiss-gendermedicine.org/symposium
Registrierung: www.swiss-gendermedicine.org/symposium/registration
Beitragsbild: Canva