Peer-Arbeit in der Psychiatrie (www.canva.com)
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19. August 2025

FOCUS

Ausbildung und Pflege in der Psychiatrie

«Die psychiatrische Pflege soll in der Ausbildung zentral sein»

Klaudia Niewiadomska ist Pflegeexpertin APN und Mitglied der Psychiatriekommission des SBK. Sie spricht darüber, wie der Pflegeberuf im Bereich Psychiatrie attraktiver gemacht werden kann.
Competence Sarah Fogal

Autorin

Sarah Fogal

Redaktionelle Koordination Competence

sarah.fogal@hplus.ch

Frau Niewiadomska, gibt es Faktoren, die junge Menschen derzeit davon abhalten, in der psychiatrischen Pflege zu arbeiten?

In der Pflege haben wir bekanntlich in allen Bereichen einen Mangel an Fachkräften. Ich denke, es gibt verschiedene Ansätze, die den Beruf, speziell im Bereich Psy­chiatrie attraktiver machen könnten. Einerseits wäre es aus meiner Sicht wichtig, bereits in der Grundausbildung von Pflegefachpersonen aufzuzeigen, was psychiatrische Pflege bedeutet und mit positiven Beispielen zu lernen. Im Master-Studiengang «Psychiatric-Mental Health Nurse Practicioner», den ich absolviert habe, haben nebst den Psychiater:innen beispielsweise Peers über die jeweiligen Krankheitsbilder erzählt, was sehr spannend und eindrücklich war. Andererseits spielt nun sicher auch die wichtige Umsetzung der Pflegeinitiative eine zentrale Rolle.

Klaudia Niewiadomska, Pflegeexpertin APN und Mitglied der Psychiatriekommission des SBK, arbeitet für die UPD Bern. (Foto: zvg/UPD Bern)

Es wäre wichtig, bereits in der Grundausbildung aufzuzeigen, was psychiatrische Pflege bedeutet und mit positiven Beispielen zu lernen.

Die Universitäre Psychiatrische Dienste Bern (UPD) AG hat diesbezüglich schon vieles umgesetzt. Wir haben beispielsweise Dienstpläne, die Voraussetzungen schaffen, damit Familie und Beruf vereinbar sind. Springer:innen erhalten eine Prämie von 150 Franken, wenn sie innerhalb von 24 Stunden den Dienst kranker Kolleg:innen übernehmen. Weiterbildungen werden grundsätzlich unterstützt. Ein zentraler Aspekt scheint mir auch der gesellschaftliche Diskurs über psychische Erkrankungen zu sein. Menschen mit einer psychischen Erkrankung werden noch immer oft stigmatisiert, insbesondere wenn es um psychotische Erkrankungen geht.

Was kann die Politik tun?

Es braucht eine Ausbildungsoffensive im Bereich der psy­chiatrischen Pflege, da wir einen Fachkräftemangel haben, auch im Kanton Bern. Dort gibt es zudem zu wenig Angebote in der ambulanten Pflege. So bleiben viele Patient:innen länger bei uns, weil sie kein Anschlussangebot beispielsweise seitens der Spitex oder keinen Therapie- oder Heimplatz haben. Wichtig ist sicher auch, dass die psychiatrische Pflege bereits in der Ausbildung zur FaGe weniger stiefmütterlich behandelt wird.

Es braucht eine Ausbildungsoffensive im Bereich der psychiatrischen Pflege.

Wie können Ausbildungsstrukturen angepasst werden, um gezielt junge Menschen für die psy­chiatrische Pflege zu begeistern?

Interessierte und fähige Quereinsteigende sollen von den Kantonen finanziell gut unterstützt werden. Die Unterstützung ist nicht in allen Kantonen gleich respektive der finanzielle Beitrag nicht überall gleich hoch.

Welche Rolle spielen Weiterbildungsangebote wie Fachweiterbildungen, um junge Pflegende dazu zu motivieren, langfristig in der Psychiatrie zu bleiben?

Weiterbildungsangebote sind in unserem Beruf zentral und sind sicher eine grosse Motivation, im Beruf zu bleiben. Gerade in der Psychiatrie gibt es viele Möglichkeiten, sich zu spezialisieren. In der UPD AG gibt es beispielsweise ein Laufbahnmodell, das Interessierten die Möglichkeit gibt, sogenannte Junior-Positionen einzunehmen. Wer sich vorstellen kann, künftig eine Station zu leiten, kann beispielsweise mit Stationsleitungen mitlaufen, lernt dazu, bekommt während des Lernprozesses eine Funktionszulage und hat damit bessere Chancen, später einmal in diese Funktionen zu wechseln.

Wie können gesellschaftliche Stigmata psychischer Erkrankungen abgebaut werden, um die Wahl des Berufs Psychiatriepflege, positiver zu besetzen?

Die Recovery Colleges in Bern und Zürich sind sicher ein guter Ansatz. Es bietet Lern- und Austauschmöglichkeiten zu den Themen psychische Gesundheit, psychische Krisen und selbstbestimmte Lebensgestaltung in der Region Bern, auch für Angehörige von psychisch Erkrankten. Dass wir Pflegende positiv über unsere Arbeit berichten, gehört aber sicher auch dazu.

Die Recovery Colleges in Bern und Zürich sind ein guter Ansatz, um gesellschaftliche Stigmata psychischer Erkrankungen abzubauen.

Was gefällt Ihnen persönlich an Ihrem Beruf?

Ich hatte gute Ausbildner:innen, die Theorie und Praxis spannend miteinander verknüpften. Meine Ausbildung als FaGe habe ich in der Langzeitpflege gemacht und auch in diesem Bereich waren psychiatrische Diagnosen ein Thema. Als ich in der UPD angefangen habe zu arbeiten, war ich fasziniert davon, wie viel Freiheiten Pflegende bei ihrer Arbeit auf einer Psychiatrie-Station haben.

In meiner Arbeit auf einer Psychiatrie-Station kann ich freier auf Menschen zugehen, mit ihnen im Austausch bleiben und ihnen ein Stück Normalität schenken.

Natürlich arbeitet man mit den erlernten Konzepten im Hinterkopf, aber es gibt insgesamt weniger standardisierte Prozesse als beispielsweise in der Akutsomatik. Man kann freier auf die Menschen zugehen, mit ihnen im Austausch bleiben und ihnen ein Stück Normalität schenken. Jedoch brauchen immer mehr psychisch Erkrankte auch somatische Pflege. Die Krankheitsbilder werden insgesamt komplexer, es hat auch viele Menschen mit schwersten Verläufen einer psychischen Erkrankung.

Beitragsbild: Peer-Arbeit in der Psychiatrie (Foto: Canva)

   

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