
2022 gaben über 90 Prozent der Bevölkerung an, eine gute Lebensqualität zu haben, 70 Prozent fühlen sich glücklich. Parallel dazu sind psychische Erkrankungen häufig: Jede zweite Person ist im Laufe ihres Lebens selbst betroffen. Die psychische Belastung der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen hat zugenommen – dies wird auch international beobachtet. Diese negative Entwicklung zeichnete sich bereits Jahre vor der COVID-19-Pandemie ab.
Die Rate der nicht-assistierten Suizide ist seit Jahrzehnten rückläufig, sie bleibt bei den über 75-jährigen Männern am höchsten. Seit 2023 liegen weniger Angaben zum psychischen Gesundheitszustand vor. Aktuelle Daten zu psychischen Erkrankungen oder zur psychischen Gesundheit von Kindern unter zehn Jahren fehlen gänzlich.
Psychische Gesundheit ist eng mit sozialen Lebensbedingungen verknüpft: Ein niedrigeres Haushaltseinkommen, ein geringerer Bildungsgrad, Einsamkeit, Gewalterfahrungen oder belastende Kindheitserlebnisse erhöhen das Risiko für psychische Beschwerden. Gleichzeitig können psychische Erkrankungen ihrerseits zu Armut führen und die gesellschaftliche Teilhabe einschränken. Obwohl sozial schlechter gestellte Gruppen häufiger von psychischen Beschwerden betroffen sind, nehmen sie in der Schweiz nicht häufiger Behandlungen in Anspruch als sozial besser gestellte.
Digitale Medien erleichtern soziale Kontakte, Informationszugang und bieten Chancen in der telemedizinischen Versorgung. Gleichzeitig bergen sie Risiken wie Cybermobbing, Schlafstörungen oder negative Einflüsse auf Selbstwertgefühl und Körperbild. Entscheidend ist weniger die Nutzungsdauer als die Art und der Inhalt der Nutzung digitaler Medien. Dies wurde wenig untersucht. Auch Umweltfaktoren wie Lärm wirken sich messbar auf das psychische Befinden aus. Chancen für die Schweiz ergeben sich durch die gut zugänglichen Grünräume oder durch bewegungsfreundliche Wohnumfelder.
Erwerbstätige in der Schweiz sind mehrheitlich mit ihrer Arbeit zufrieden, doch ein Viertel bis ein Drittel berichten von Stress oder Erschöpfung. Etwa 20 Prozent der Erwerbstätigen haben eine psychische Problematik, die sich negativ auf den Arbeitskontext auswirkt. In solchen Fällen kommt es zu selten zu einem Austausch zwischen Behandelnden, Arbeitgebenden und Mitarbeitenden.
Krankschreibungen aus psychischen Gründen sind meist Vollzeit und dauern im Schnitt sieben Monate. In der Hälfte solcher Krankschreibungen wird das Arbeitsverhältnis aufgelöst. Eine mehr rehabilitativ orientierte Krankschreibungspraxis könnte den Arbeitsplatzerhalt fördern. Bei jungen Erwachsenen nehmen IV-Renten aufgrund psychischer Diagnosen seit Jahren zu, die Gründe für diese Entwicklung sind unklar.
Zahlreiche Akteure wie Bund, Kantone, Gemeinden, Hochschulen, Stiftungen, Gesundheitsförderung Schweiz und NGOs tragen zu den vielen Aktivitäten zur Förderung der psychischen Gesundheit bei. Evaluierte und verbreitete Projekte («Beispiele guter Praxis») konnten ihre Reichweite über die letzten Jahre vergrössern.
Sie zeigen gute Ergebnisse bei den jeweiligen Zielgruppen in Bezug auf die Stärkung verschiedener Ressourcen (z.B. Wissenszuwachs). Eine systematische Übersicht über alle Massnahmen sowie Informationen zu deren Wirksamkeit fehlen jedoch. Eine weitere Herausforderung ist die nachhaltige Finanzierung der Massnahmen.
Die psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung ist in der Schweiz gut erreichbar, aber regional ungleich verteilt. Die Dichte an niedergelassenen Psychiater:innen sowie Psycholog:innen ist in urbanen Zentren um ein Vielfaches höher als in ländlichen Gebieten. Die Inanspruchnahme psychiatrisch-psychotherapeutischer Leistungen ist in den letzten zehn Jahren kontinuierlich gestiegen – sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich.
Besonders die Kinder- und Jugendpsychiatrie leidet gemäss Fachpersonen unter Kapazitätsengpässen. Die bevorstehende Pensionierungswelle und die wachsende Nachfrage verschärfen den Fachkräftemangel. Diese Entwicklungen legen eine Diskussion über personelle Ressourcen und die Attraktivität medizinischer und nicht-medizinischer Berufe in der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung nahe. Wo besteht der grösste Fachkräftebedarf, sollen schwere Fälle ambulant priorisiert, die ärztliche Ausbildung gestärkt und nichtmedizinische Fachkräfte sowie Peers besser eingebunden werden?
Der Bericht formuliert 39 spezifische Empfehlungen. Diese gliedern sich in fünf zentrale Handlungsbereiche: Psychische Gesundheit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstehen, Evidenzbasierung durch gezielte Datenerhebung und Förderung wissenschaftlicher Studien stärken, Massnahmen der Prävention und der Gesundheitsförderung durchführen und evaluieren, psychische Gesundheit am Arbeitsplatz fördern und Arbeitsmarktintegration sicherstellen sowie bedarfsgerechte, zugängliche und qualitativ hochwertige Versorgung sicherstellen.
Beitragsbild: Schweizerisches Gesundheitsobservatorium (Obsan)/zvg