
Shared Decision Making (SDM), die gemeinsame Entscheidungsfindung für evidenz- und präferenzbasierte Therapieentscheidungen, ist international seit 50 Jahren etabliert. Strategien des Public and Patient Involvement and Engagement (PPIE), bzw. der Einbezug von Patient:innen und Bürger:innen im Gesundheitswesen, sind jüngeren Datums. Beide Ansätze für ein wertebasiertes Gesundheitswesen wurden am Ethiktag des Universitätsspitals Zürich (USZ) 2025 intensiv mit Patient:innen, Wissenschaftler:innen und Kliniker:innen diskutiert, worüber wir im Folgenden berichten.
Die ersten Grundlagen von Shared Decision Making (SDM) wurden bereits ab den 1970er-Jahren gelegt (Veach, 1972) und bis heute in Definitionen und Konzepten weiterentwickelt (Charles et al, 1997, Rosca et al 2023, Elwyn et al, 2025). SDM ist ein evidenzbasiertes ethisch begründetes Modell der klinischen Praxis, welches auf der Grundhaltung beruht, Patient:innen zu befähigen, informierte Entscheidungen zu treffen, die ihren Präferenzen bestmöglich entsprechen.
Patient:innen, die mit Shared Decision Making unterstützt werden, sind u.a. sicherer, die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben, und die Konsultationszeiten sinken.
Die Implementierung stellt eine komplexe Intervention dar, die dann den grössten Nutzen bringt, wenn sie auf allen Ebenen des Gesundheitswesens gefördert wird. Auf der Mikroebene gehören u.a. spezifische kommunikative Fertigkeiten der interprofessionellen Behandlungsteams und die Verwendung evidenzbasierter Entscheidungshilfen dazu, deren Effekte bereits seit den 1990er-Jahren in einer der meistzitierten Cochrane Reviews der Welt gemessen werden (Stacey et al 2024). Patient:innen, die auf diese Weise mit SDM unterstützt werden, sind u.a. sicherer, die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben, und die Konsultationszeiten sinken.
Literatur
Veatch RM. Models for ethical medicine in a revolutionary age. What physician-patient roles foster the most ethical realtionship? Hastings Cent Rep. 1972;2:5–7.
Charles C, Gafni A, Whelan T. Shared decision-making in the medical encounter: what does it mean? (or it takes at least two to tango) Soc Sci Med. 1997;44:681–92. [DOI] [PubMed] [Google Scholar]
Elwyn G, Gulbrandsen P, Leavitt H et al. Shared Decision-Making. A Primer for Clinicians. J GEN INTERN MED (2025). https://doi.org/10.1007/s11606-025-09707-z
Stacey D, Lewis KB, Smith M, Carley M, Volk R, Douglas EE, Pacheco-Brousseau L, Finderup J, Gunderson J, Barry MJ, Bennett CL, Bravo P, Steffensen K, Gogovor A, Graham ID, Kelly SE, Légaré F, Sondergaard H, Thomson R, Trenaman L, Trevena L. Decision aids for people facing health treatment or screening decisions. Cochrane Database of Systematic Reviews 2024, Issue 1. Art. No.: CD001431. https://doi.org/10.1002/14651858.CD001431.pub6
Das Projekt «SDM Realität werden lassen» implementierte SDM im gesamten Universitätsklinikum in Kiel, Deutschland (Danner et al., 2020, Scheibler et al., 2023). Es wurde von Oktober 2017 bis September 2021 vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (IF – G-BA) finanziert.
Dr. Fülöp Scheibler, Leiter des Kompetenzteams Evidenz am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel, stellte am Ethiktag des USZ SDM-Schulungen für Ärzt:innen, ferner evidenzbasierte Entscheidungshilfen, die Ausbildung von Pflegefachpersonen zu Decision Coaches und Interventionen zur Patient:innenaktivierung vor (siehe unten Abbildung: «Die 4 Module des SHARE TO CARE-Programms»).

Die vier Module des SHARE TO CARE-Programms wurden am gesamten Kieler Campus des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein umgesetzt, das jährlich rund 220 000 Patient:innen behandelt. Der Campus verfügt über 25 Fachbereiche, rund 620 Ärzt:innen und 1100 Pflegekräfte und gehört damit zu den zehn grössten Universitätskliniken in Deutschland.
Die Ergebnisse belegten die Machbarkeit und Wirksamkeit der gross angelegten Umsetzung. Die in Patientenbefragungen erfasste Messgrösse «Wahrgenommene Einbeziehung in die Entscheidungen» zeigte einen statistisch signifikanten und klinisch bedeutsamen Anstieg (Scheibler et al., 2023). In der Folge hat der G-BA (2023) die Strategien des Projekts für die Standardversorgung empfohlen.
Das Nationale Kompetenzzentrum Shared Decision Making in Kiel kümmert sich um die Aufrechterhaltung des Programms, um weitere Pilotprojekte und darum, die Implementierungsmodule weiterzuentwickeln. Auch hat es ein Qualitätssigel entwickelt, das SHARE TO CARE-Zertifikat. Dieses definiert Mindestkriterien, bei deren Erfüllung davon ausgegangen werden kann, dass eine Implementierung von SDM ausreichend ist, um messbare Effekte bei Patient:innen zu erzielen. Die Implementierung sollte von einer formativen und summativen Evaluation begleitet werden (also während sowie am Ende des Prozesses), um auf förderliche und hinderliche Faktoren zu reagieren und um sicherzustellen, dass die Massnahmen bei den Patient:innen ankommen.
SDM ist in der Schweiz zwar formal im Gesundheitswesen verankert, etwa in den Lernzielkatalogen und medizinethischen Richtlinien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW). 2025 fand die Weltkonferenz der International shared decision making society (ISDM) in Lausanne statt. Dennoch besteht weiter viel Raum für Verbesserungen (Cornuz et al 2011). Der Einsatz von evidenzbasierten Entscheidungshilfen, von Modellprojekten und evaluierten Kommunikationstrainings erfolgt bislang nur punktuell; eine flächendeckende Implementierung steht noch aus.
Wichtige Schritte wären daher die Evaluation von Modellprojekten wie dem SHARE TO CARE-Projekt in der Schweiz, Abrechnungsmöglichkeiten u.a. in der Grundversorgung und nach Art. 56 Abs. 3bis KVG (SR 832.10), wie dies auch die Antwort des Bundesrates zur Interpellation 25.3667 «Shared decision Making als Mittel zur Stärkung der Interprofessionalität, einer höheren Versorgungsqualität und einer bedarfsgerechten Behandlung» nahelegt.
Seit 2019 unterstützt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) Patient and Public Involvement and Engagement (PPIE) im Rahmen der Strategie «Gesundheit 2020» (Stoffel Kurt & Gasser 2019). Auch gewinnt das Montreal-Modell zum Thema PPIE in der Schweiz zunehmend an Bekanntheit. Prof. Marie-Pascale Pomey, Professorin am Department of Management, Evaluation and Health Policy of the School of Public Health of the University of Montreal und Mitbegründerin des Montreal-Modells (siehe auch Pomey et al, 2025), stellte am Ethiktag das Konzept und die Evidenz dazu vor.
In Québec sind Patient:innen in der Forschung, Behandlung und Strategieentwicklung auf Augenhöhe beteiligt, z.B. als Co-Principal Investigators, als Mitglieder von Spitaldirektionen oder als Peers – mit teils verblüffenden Ergebnissen: Die systematische Implementierung von Patient Peers z.B. im Lebertransplantationsprogramm des Centre Hospitalier de l’Université de Montréal (CHUM) führte prätransplantär wie posttransplantär zu hochsignifikanten Verbesserungen der Gesundheit der Patient:innen, u.a. hinsichtlich der Leberfunktion, der Anzahl Spitalaufeinhalte und der Rehabilitationsdauer.
In der Schweiz gibt es erste ermutigende Beispiele in der Forschung (siehe z.B. Buerki et al 2025), doch auf der Therapie- und Strategieebene wird PPIE noch selten umgesetzt. Qualitativ hochwertiges SDM und PPIE steigern aber die Zufriedenheit von forschenden und von klinisch tätigen Gesundheitsfachpersonen – ein Grund mehr, sie konsequent umzusetzen. Aufgrund der Diskussionen am Ethiktag können wir daher nur ermutigen: Gönnen wir uns ernsthaft SDM und PPIE!
Co-Autor:innen
Literaturliste
Danner M, Geiger F, Wehkamp K, Rueffer J. U., Kuch C, Sundmacher L, Skjelbakken T, Rummer A, Novelli A, Debrouwere M, Scheibler F, & Team, S. T. C. P. (2020). Making shared decision-making (SDM) a reality: protocol of a large-scale long-term SDM implementation programme at a Northern German University Hospital. BMJ Open, 10(10), e037575. https://doi.org/10.1136/bmjopen-2020-037575
Scheibler F, Geiger F, Wehkamp K, Danner M, Debrouwere M, Stolz-Klingenberg C, Schuldt-Joswig A, Sommer C. G., Kopeleva O, Bunzen C, Wagner-Ullrich C, Koch G, Coors M, Wehking F, Clayman M, Weymayr C, Sundmacher L, & Ruffer, J. U. (2023). Patient-reported effects of hospital-wide implementation of shared decision-making at a university medical centre in Germany: a pre-post trial. BMJ Evid Based Med, 29(2), 87-95. https://doi.org/10.1136/bmjebm-2023-112462
Cornuz J, Kuenzi B & Krones T (2011). Shared decision making development in Switzerland: room for improvement! Zeitschrift Für Evidenz, Fortbildung Und Qualität Im Gesundheitswesen, 105(4), 296-299, https://doi.org/10.1016/j.zefq.2011.04.008
Stoffel-Kurt N, Gasser K (2019) Betroffene einbeziehen: auf allen Ebenen. Spectra 125, November 2019, 2-3.
Pomey M, Wilhelmy C, Fournier-Tombs M, et al (2025) Partnership, Collaboration, and Coproduction to Improve Patient Experience Beyond Conductiong Surveys – Lessons from the Quebec Model, Canada. https://pxjournal.org/journal/vol12/iss2/19
Buerki K, Toitou M, de Wit M, et al (2025). RMD Open Feb 10;11(1):e005263. https://doi.org/10.1136/rmdopen-2024-005263 PMID: 39929597; PMCID: PMC11815435.
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