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6. Oktober 2026

Background

Erste Lebensstunde

Stillförderung: Frühzeitig im Spital handeln

Die ersten Stunden nach der Geburt sind entscheidend für das Stillen. Spitäler und Kliniken spielen eine Schlüsselrolle bei der Begleitung der Familien und der Förderung eines guten Starts. ­Die Ärztin Verena Bossung und Manuela Weichelt, Nationalrätin und Präsidentin von Stillförderung Schweiz, äussern sich im Interview zu diesem Thema.
Competence Muriel Chavaillaz

Autorin

Muriel Chavaillaz

Journaliste de Competence pour la Suisse romande et le Tessin

muriel.chavaillaz@hplus.ch

Die ersten Tage nach der Geburt werden häufig als entscheidend für einen erfolgreichen Stillbeginn angesehen. Welche Rolle kann das Spital in dieser Phase spielen?

Die ersten Stunden und Tage nach der Geburt sind in der Tat eine besonders sensible, störanfällige Phase für die Etablierung des Stillens. Die meisten Geburten erfolgen in einem Spital (gemäss BFS über 90 Prozent im Jahr 2023). Spitäler können entscheidende Voraussetzungen für das Stillen schaffen, indem sie Mutter und Kind einen ungestörten Beziehungs- und Bindungsaufbau ermöglichen. Unmittelbarer Haut-zu-Haut-Kontakt nach der Geburt, ein erstes Stillen möglichst innerhalb der ersten Lebensstunde, Unterstützung beim häufigen Stillen sowie die Vermeidung unnötiger Trennungen fördern nachweislich einen erfolgreichen Stillbeginn. Die erste Lebensstunde stellt dabei ein wichtiges biologisches Zeitfenster dar.

Der Stillstart findet im Spital statt, die eigentliche Stillbeziehung entwickelt sich jedoch zu Hause.

Gleichzeitig geht es nicht nur um die Stillförderung, sondern auch darum, das Vertrauen der Eltern in ihre eigenen Fähigkeiten zu stärken. Bereits im Spital werden wichtige Grundlagen für die Zeit nach der Entlassung gelegt.

Welche Massnahmen auf der Wochenbettstation sind nachweislich wirksam, um den Stillbeginn und die Fortsetzung des Stillens zu fördern? Können Sie konkrete Beispiele oder Geburtskliniken nennen, die in dieser Hinsicht als Vorbild dienen können?

Der entscheidende Beitrag der Wochenbettstation liegt in der qualifizierten Begleitung von Mutter und Kind. Evidenzbasiert wirksam sind eine regelmässige Beobachtung des Stillens durch geschulte Fachpersonen, Unterstützung bei der Positionierung und der Anlegetechnik sowie die frühzeitige Identifikation von Risikofaktoren für Stillprobleme. Auch das 24-Stunden-Rooming-in einer Begleitperson sowie die Vermeidung von räumlicher Trennung von Mutter und Kind spielen eine wichtige Rolle.

Es ist wichtig, Familien in den ersten Tagen so zu begleiten, dass aus einem guten Stillstart auch eine langfristig erfolgreiche Stillbeziehung entstehen kann.

So können Eltern die Signale ihres Kindes kennenlernen und häufiges, bedürfnisorientiertes Stillen wird gefördert. Zudem sollte auf medizinisch nicht notwendiges Zufüttern von Säuglingsnahrung verzichtet werden, da dies den Aufbau der Milchbildung und die Exklusivität des Stillens beeinträchtigen kann. Auch Stillhilfsmittel wie Stillhütchen oder Schnuller sollten nicht routinemässig eingesetzt werden, damit mögliche Stillprobleme nicht übersehen werden und ein effektiver Milchtransfer sichergestellt werden kann. Eine gute Orientierung für Spitäler bieten die international geltenden und evidenzbasierten Empfehlungen «10 Schritte zum erfolgreichen Stillen» von WHO/Unicef.

Die aktuelle Swiss Infant Feeding Study (SWIFS) (2024) zeigt, dass 97 Prozent der Mütter in der Schweiz mit dem Stillen beginnen – eine erfreulich hohe Quote. Umso wichtiger ist es, Familien in den ersten Tagen so zu begleiten, dass aus einem guten Stillstart auch eine langfristig erfolgreiche Stillbeziehung entstehen kann.¹,² Hierfür ist ein ausreichender Personalschlüssel zwingend erforderlich, denn in der vulnerablen Geburts-Phase bzw. im Wochenbett lässt sich nicht alles planen. Selbst wenn es sich um gesunde Neugeborene handelt, benötigen die jungen Familien qualifizierte Unterstützung.

Das 24-Stunden-Rooming-in einer Begleitperson sowie die Vermeidung von räumlicher Trennung von Mutter und Kind spielen eine wichtige Rolle bei der Stillförderung. (Foto: Canva)

Sollte die Aus- und Weiterbildung der Fachpersonen gestärkt werden? Welche Kompetenzen benötigen sie, um Familien wirksam zu begleiten?

Unbedingt, die Aus- und Weiterbildung bleibt ein zentraler Erfolgsfaktor. Das hält auch die kürzlich erschienene Untersuchung «Becoming Breastfeeding Friendly Schweiz» fest. Obwohl Stillen erhebliche Bedeutung für die Gesundheit von Mutter und Kind hat, nimmt das Thema in vielen medizinischen und pflegerischen Grundausbildungen nach wie vor vergleichsweise wenig Raum ein. Häufig erwerben Fachpersonen einen grossen Teil ihrer stillspezifischen Kompetenzen erst im klinischen Alltag oder durch Eigeninitiative in Weiterbildungen.

Stillförderung ist eine interprofessionelle Aufgabe von Hebammen, Pflegefachpersonen, Ärzt:innen sowie Still- und Laktationsberater:innen.

SWIFS 2024 zeigt, dass die häufigsten Gründe für ein vorzeitiges Abstillen Sorgen um eine ungenügende Milchmenge, ein vermeintlich hungriges Kind, mütterliche Erschöpfung und eine ungenügende Vereinbarkeit von Stillen und Beruf sind. Diese Herausforderungen erfordern eine kompetente und evidenzbasierte Begleitung. Fachpersonen benötigen daher nicht nur Wissen zur Physiologie der Laktation, sondern vor allem auch praktische Kompetenzen in der Stillberatung.

Stillförderung ist deshalb eine interprofessionelle Aufgabe von Hebammen, Pflegefachpersonen, Ärzt:innen sowie Still- und Laktationsberater:innen. Um Familien wirksam begleiten zu können, sollte die Vermittlung stillrelevanter Kompetenzen bereits im Studium und in der Grundausbildung einen höheren Stellenwert als heute erhalten und durch regelmässige Fortbildungen ergänzt werden.

Die Förderung des Stillens darf Mütter nicht unter Druck setzen, die nicht stillen möchten oder nicht stillen können. Wie können Spitalteams die richtige Balance zwischen der Stillförderung und dem Respekt vor der Entscheidung der Eltern finden?

Die Grundlage einer modernen Stillförderung ist die informierte Entscheidung der Eltern. Die Aufgabe der Fachpersonen und Fachstellen besteht darin, evidenzbasierte Informationen bereitzustellen, Unterstützung anzubieten und mögliche Schwierigkeiten frühzeitig zu erkennen. Die Entscheidung der Familie muss jederzeit respektiert werden.

Die grosse Mehrheit der Mütter möchte grundsätzlich stillen und benötigt vor allem Unterstützung dabei, die Stillziele zu erreichen.

Gleichzeitig zeigt die aktuelle SWIF-Studie, dass 97 Prozent der Mütter ihr Kind nach der Geburt stillen wollen. Die grosse Mehrheit möchte also grundsätzlich stillen und benötigt vor allem Unterstützung dabei, ihre Stillziele zu erreichen. Gute Stillförderung bedeutet nicht, eine bestimmte Ernährungsform durchzusetzen. Sie bedeutet vielmehr, Familien dabei zu unterstützen, ihre eigenen Ziele zu erreichen, Hindernisse frühzeitig zu erkennen und informierte Entscheidungen zu treffen.

Wenn ein Spital seine Unterstützung für das Stillen gezielt verstärken möchte: Welche zentralen Massnahmen sollten Ihrer Meinung nach auf institutioneller Ebene umgesetzt werden?

Erstens: Die ersten Stunden nach der Geburt konsequent schützen – egal ob nach normaler Geburt oder Kaiserschnitt. Dazu gehören unmittelbarer Haut-zu-Haut-Kontakt, ein erstes Stillen möglichst innerhalb der ersten Lebensstunde sowie die Vermeidung unnötiger Trennungen von Mutter und Kind. Diese Massnahmen haben einen nachweisbaren Einfluss auf den Stillerfolg.

Zweitens: Die fachliche Kompetenz aller beteiligten Berufsgruppen stärken. Familien sollten unabhängig von Schicht oder Berufsgruppe eine konsistente, evidenzbasierte und praxisnahe Unterstützung erhalten. Regelmässige Schulungen und gemeinsam getragene Standards in Spitälern sind hierfür essenziell.

Drittens: Die Betreuung über den Spitalaustritt hinaus besser vernetzen. Der Stillstart findet im Spital statt, die eigentliche Stillbeziehung entwickelt sich jedoch zu Hause. Viele Familien benötigen deshalb auch nach dem Wochenbettaufenthalt kompetente Unterstützung. Spitäler sollten gemeinsam mit Hebammen, Kinderärzt:innen, Frauenärzt:innen, Eltern-Beratungsstellen und ambulanten Stillberatungsstellen agieren und mit spezialisierten Sprechstunden eine durchgängige Betreuung sicherstellen. Gerade bei Schmerzen, Sorgen um die Milchbildung, Erkrankungen von Mutter oder Kind oder beim Wiedereinstieg ins Berufsleben können solche Angebote entscheidend dazu beitragen, ein vorzeitiges Abstillen zu verhindern und Familien in ihrem gewählten Weg zu stärken.

Auch Spitalpersonal hat das Recht auf bezahlte Stillzeiten im ersten Lebensjahr des Kindes, wobei Milch abpumpen rechtlich dem Stillen gleichzusetzen ist.

Was kann ein Spital als Arbeitgeber bewirken?

Viel! In Spitälern wie überall im Care-Bereich und der Gesundheitsversorgung arbeiten mehrheitlich Frauen. Aus der bereits erwähnten SWIFS-Studie geht hervor, dass die Stillraten nach dem Ende des bezahlten Mutterschaftsurlaubs markant sinken. Die Rückkehr in die Erwerbstätigkeit bringt zahlreiche Herausforderungen mit sich und gerade die Arbeitgeber können Familien unterstützen, indem sie gute Rahmenbedingungen schaffen. Auch Spitalpersonal hat das Recht auf bezahlte Stillzeiten im ersten Lebensjahr des Kindes, wobei Milch abpumpen rechtlich dem Stillen gleichzusetzen ist. Dafür muss ein geeigneter Raum mit bequemem Sessel und ein Kühlschrank für die abgepumpte Muttermilch zur Verfügung gestellt werden (siehe Checkliste von Stillförderung Schweiz). Zudem ist der Spitalbetrieb so zu organisieren, dass die Arbeitnehmende ihre bezahlten Stillpausen in Anspruch nehmen kann.

  1. Becoming Breastfeeding Friendly Schweiz
  2. «Familienabteilung» (https://www.stgag.ch/fachbereiche/frauenklinik/angebot/schwangerschaft-und-geburt/nach-der-geburt/stationaere-betreuung-nach-der-geburt/)

Beitragsbild: Canva

   

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