
Eine Mitarbeiterin hält sich wiederholt nicht an eine vereinbarte Regelung. Zunächst gibt es gute Gründe, das Thema nicht allzu gross zu machen. Die Arbeitsbelastung ist hoch und ich gehe zunächst davon aus, dass es sich um eine Ausnahme handelt. Beim nächsten Mal spreche ich es kurz an, verzichte aber auf ein klärendes Gespräch. Dann passiert es wieder.
Mit jeder Wiederholung wächst mein Ärger. Irgendwann steht für mich fest: Sie nimmt Abmachungen nicht ernst. Spätestens jetzt ist aus einer Beobachtung eine Bewertung geworden.
Hier beginnt Selbstreflexion mit einem Blick auf meinen eigenen Anteil: Warum habe ich so lange gewartet? Wollte ich einen Konflikt vermeiden? Hatte ich Verständnis für die hohe Belastung? Hoffte ich, dass sich das Problem von selbst löst?
Diese Fragen ändern nichts daran, dass eine Vereinbarung wiederholt nicht eingehalten wurde und angesprochen werden muss. Das lange Warten kann jedoch die eigene Haltung gegenüber der Mitarbeiterin verändert haben.
«Sie hat eine Vereinbarung mehrfach nicht eingehalten» beschreibt eine Beobachtung. «Sie nimmt Abmachungen nicht ernst» ist eine Interpretation. Vielleicht stimmt sie. Vielleicht auch nicht.
Menschen nehmen Situationen nicht neutral wahr. Wir ordnen Beobachtungen aufgrund unserer Erfahrungen und Erwartungen ein. Dabei kann der sogenannte Bestätigungsfehler, der Confirmation Bias, eine Rolle spielen: Haben wir bereits eine Überzeugung, nehmen wir Informationen stärker wahr, die diese bestätigen.
Für das Mitarbeitendengespräch hat das Folgen. Wer mit einer bestimmten Erwartung hineingeht, fragt womöglich weniger offen. Eine Erklärung wird schneller als Rechtfertigung oder Ausrede eingeordnet. Was die eigene Einschätzung bestätigt, erhält mehr Gewicht.
Selbstreflexion kann diesen Automatismus unterbrechen. Hilfreich sind Fragen wie: Was habe ich tatsächlich beobachtet? Was davon ist meine Interpretation? Welche Gefühle löst die Situation bei mir aus? Welche Erklärung habe ich mir bereits zurechtgelegt? Und bin ich bereit, im Gespräch etwas zu erfahren, das nicht dazu passt?
Auch während eines Gesprächs lohnt sich der Blick auf das eigene Verhalten. Werde ich gerade ungeduldig? Bereite ich innerlich meine nächste Argumentation vor, statt zuzuhören? Geht es mir noch darum, die Situation zu verstehen, oder darum, Recht zu behalten?
Diese Punkte wahrzunehmen bedeutet nicht, die eigene Position aufzugeben. Vereinbarungen dürfen weiterhin klar eingefordert werden. Führung braucht Klarheit und Konsequenz, Selbstreflexion schafft aber einen kurzen Abstand zwischen dem eigenen Impuls und der Reaktion darauf. Damit entsteht die Möglichkeit, bewusst über den weiteren Gesprächsverlauf zu entscheiden.
Gerade im Gesundheitswesen gehören Zeitdruck, hohe Verantwortung und unterschiedliche Bedürfnisse zum Alltag. Nicht jedes schwierige Gespräch lässt sich vermeiden und nicht jeder Konflikt auflösen.
Beeinflussen können Führungskräfte jedoch, mit welcher Haltung sie in solche Situationen gehen. Dazu gehört die Bereitschaft, auch die eigene Wahrnehmung infrage zu stellen. Denn manchmal sitzt in einem schwierigen Mitarbeitendengespräch nicht nur das Problem mit am Tisch, sondern auch die Geschichte, die wir uns darüber bereits erzählt haben.
Allgemeine Selbstreflexion fördern
Selbstreflexion sollte nicht erst beginnen, wenn etwas schwierig wird. Führungskräfte können sie im Alltag fördern, indem sie Mitarbeitende regelmässig dazu anregen, das eigene Handeln und dessen Wirkung auf andere zu betrachten. Ebenso wichtig ist, Selbstreflexion vorzuleben und im Gespräch auch den eigenen Anteil an einer Situation zu benennen. Damit wird die Auseinandersetzung mit dem eigenen Handeln zur Gewohnheit und nicht erst dann relevant, wenn ein schwieriges Gespräch ansteht.
Beitragsbild: Während eines Gesprächs lohnt sich der Blick auf das eigene Verhalten. Werde ich gerade ungeduldig? Geht es mir noch darum, die Situation zu verstehen, oder darum, Recht zu behalten? (Foto: Canva)