
Die Erfahrung der Suchtfachklinik Südhang in Kirchlindach zeigt deutlich: Die grosse Mehrheit von suchterkrankten Menschen lebt zusätzlich mit psychischen Belastungen. Sucht steht also selten für sich allein – sie ist häufig eng verwoben mit Depressionen, Traumafolgestörungen, ADHS, Persönlichkeitsstörungen oder weiteren Erkrankungen.
Diese komplexen Zusammenhänge gilt es zu erkennen, zu verstehen und in die Behandlung zu integrieren. Im Interview gewährt Antonia Bordoni, Leitende Ärztin und Verantwortliche für die Entwicklung von Behandlungsprogrammen zu Begleiterkrankungen, Einblick in den therapeutischen Ansatz. Sie zeigt auf, wie Menschen mit Mehrfachdiagnosen Schritt für Schritt wieder Stabilität gewinnen können.

Wir haben an unserer Klinik ein neues transdiagnostisches Behandlungsprogramm, um Patient:innen individuell und angepasst an ihre Bedürfnisse zu behandeln. Zusätzlich konzentrieren wir uns auf Komorbiditäten, also Begleiterkrankungen der Sucht. Denn im klinischen Alltag zeigt sich, dass fast alle Patient:innen zusätzlich an einer weiteren psychischen Erkrankung leiden. Deshalb nehmen diese Begleiterkrankungen im Programm immer mehr Raum ein – und das ganz bewusst. Heute wissen wir, dass es entscheidend ist, beides gleichzeitig zu behandeln: die Abhängigkeit und die dahinterliegenden psychischen Belastungen. Wenn wir uns bloss auf die Abhängigkeitserkrankung konzentrieren, ist unsere Therapie oft mittel- und langfristig nicht erfolgreich.
Sehr oft sehen wir Menschen mit Depressionen, ADHS oder mit Traumafolgestörungen. Auch Persönlichkeitsstörungen, Angsterkrankungen und Schlafstörungen gehören zu den häufigsten Themen. Daher richten wir unser Behandlungsprogramm auf diese Komorbiditäten aus.
Der Zusammenhang ist oft deutlich. Viele Betroffene nutzen Suchtmittel zunächst, um Symptome der Begleiterkrankung zu lindern. Wer zum Beispiel unter Schlafstörungen leidet oder abends stark angespannt ist, greift vielleicht zu Alkohol, Medikamenten oder anderen Suchtmitteln, insbesondere Cannabis, um zur Ruhe zu kommen.
Aus anfänglicher «Selbstmedikation» entsteht ein Rattenschwanz an zusätzlichen Belastungen.
Was am Anfang wie eine hilfreiche Strategie wirkt, kann sich mit der Zeit zu einem festen Ritual entwickeln – und bei steigender Konsummenge in eine Abhängigkeit münden. Mit der Abhängigkeit verändert sich jedoch die Wirkung der Substanz. Es kommt zur Toleranzbildung – die Konsummenge muss gesteigert werden und der Konsum nimmt immer mehr Raum im Alltag ein. Dann treten neue Probleme auf: kognitive Einschränkungen, Entzugssymptome, mehr Ängstlichkeit oder depressive Verstimmungen. Aus der anfänglichen «Selbstmedikation» entsteht ein Rattenschwanz an zusätzlichen Belastungen. Das ist oft der Moment, in welchem die Menschen bei uns Hilfe suchen.
Der Südhang arbeitet mit einem integrativen Ansatz: Sowohl die Sucht als auch psychische Belastungen oder Begleiterkrankungen werden parallel behandelt. Dazu nutzen wir Psychotherapie, medikamentöse Behandlung und psychosoziale Unterstützung.
Die umfassende Behandlung reduziert das Rückfallrisiko und unterstützt eine nachhaltige Stabilisierung.
Probleme wie Einsamkeit, fehlende Perspektiven, Schwierigkeiten im Arbeitsleben oder Beziehungen können starke Auslöser für Substanzgebrauch sein. Daher betrachten wir die Patient:innen immer als Ganzes – mit ihrer Biografie, ihrem sozialen Umfeld und ihren Zukunftsmöglichkeiten. Dieser umfassende Blick reduziert das Rückfallrisiko und unterstützt eine nachhaltige Stabilisierung.
Früher dachte man: Erst muss die Sucht weg, dann behandelt man die Begleiterkrankungen. Die Forschung hat gezeigt, dass das schlecht funktioniert. Heute wissen wir: Die gleichzeitige Behandlung verbessert die Erfolgsquoten deutlich. Darum bauen wir unser Behandlungsprogramm gezielt aus, beispielsweise für die Behandlung von ADHS oder affektiven Störungen.
Beides ist wichtig. Die stationäre Behandlung der Klinik Südhang legt den Fokus zunächst auf Diagnostik und Stabilisierung: Wir klären, welche Erkrankungen vorliegen, da die Sucht oft andere Probleme überdeckt. Erst nach dem Entzug zeigen sich beispielsweise Traumafolgestörungen oder Depressionen.
Manche Antidepressiva können Gefühle dämpfen, was psychotherapeutische Prozesse erschweren kann.
In der anschliessenden ambulanten Behandlung kann längerfristig an diesen Themen gearbeitet werden. Auch darum ist es so sinnvoll, dass die Klinik Südhang ihre Suchtbehandlung individuell und auf die Bedürfnisse der betroffenen Menschen ausrichtet. Und dass unsere Patient:innen nahtlos von der stationären zur teilstationären und ambulanten Behandlung wechseln können.
Wenn sie nötig sind, sind sie sinnvoll – aber nicht immer. Manche Antidepressiva können Gefühle dämpfen, was psychotherapeutische Prozesse erschweren kann. Bei akuter Suizidalität oder schwerer Depression sind Medikamente jedoch unverzichtbar. Oft geht es um ein Abwägen: stabilisieren, dann wieder reduzieren und den Fokus auf die psychotherapeutische Verarbeitung setzen.
Ich sehe viele Menschen mit zwei oder drei Diagnosen, die wieder arbeiten, Familien haben und Fuss im Leben fassen.
Die Klinik behandelt also Menschen mit mehreren Diagnosen. Das klingt nach einer schlechten Prognose für einen betroffenen Menschen. Es stimmt: Je mehr Begleiterkrankungen, desto länger sind oft die Behandlungsverläufe. Aber das heisst nicht, dass ein gutes Leben nicht möglich ist. Ich sehe viele Menschen mit zwei oder drei Diagnosen, die wieder arbeiten, Familien haben und Fuss im Leben fassen. Entscheidend sind auch die Ressourcen.
Beispiele gibt es viele: Ein verlässliches soziales Netzwerk, Intelligenz, Problemlösungsfähigkeiten, die Bereitschaft, sich Hilfe zu holen. Wer lernt, gut auf sich zu achten, kann sein Gleichgewicht besser halten – auch mit einer chronischen Erkrankung. Eine Psychotherapie sollte deshalb auch immer ressourcenorientiert sein.
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