Spitex Care Home 2040 Marianne Pfister
Competence Readtime6 min
18. August 2026

Background

Care@Home 2040

Spitäler und Spitex sind vollwertige Partner

Die Weiterentwicklung der häuslichen Pflege wird die Rolle der Spitäler und Kliniken verändern. Für Marianne Pfister, Co-Direktorin von Spitex Schweiz, liegt die Zukunft in einer engeren Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteuren des Gesundheitssystems.
Competence Muriel Chavaillaz

Autorin

Muriel Chavaillaz

Journaliste de Competence pour la Suisse romande et le Tessin

muriel.chavaillaz@hplus.ch

Frau Pfister, das Zielbild Care@Home 2040 von Spitex Schweiz geht davon aus, dass ein zunehmender Teil der Pflege zu Hause erfolgen wird. Welche Rolle werden Ihrer Meinung nach die Spitäler und Kliniken in diesem neuen Versorgungsmodell spielen?

Marianne Pfister, Co-Direktorin, Spitex Schweiz

Spitäler bleiben ein zentraler Pfeiler der Gesundheitsversorgung. Ihre Rolle wird sich künftig noch stärker auf hochspezialisierte Diagnostik, Akutmedizin und komplexe Behandlungen, aber auch auf ambulante Eingriffe konzentrieren. Gleichzeitig werden sie Teil eines integrierten Versorgungsnetzwerks entlang des gesamten Patientenpfads. Die Vision Care@Home 2040 von Spitex Schweiz versteht Versorgung nicht als Ort, sondern als koordinierten Prozess. Dort, wo eine qualitativ hochwertige und sichere Versorgung zu Hause möglich ist, dort soll sie auch stattfinden – in enger Zusammenarbeit zwischen Spitex, Spitälern, Hausärzt:innen, Therapeut:innen, Apotheken und sozialen Diensten.

Heute übernehmen Spitex-Fachpersonen hochkomplexe Aufgaben. Ihre Kompetenzen werden teilweise noch unterschätzt.

Sie setzen sich für einen Ansatz ein, der die Grenzen zwischen den verschiedenen Leistungserbringern überwindet. Was genau verhindert heute eine echte Zusammenarbeit zwischen Spitälern und ambulanten Pflege- und Betreuungsdiensten?

Ich erlebe in den letzten Jahren eine grössere Offenheit für Zusammenarbeit. Trotzdem hängen wir vielerorts noch zu stark im institutionellen Denken fest, statt Versorgungsketten in den Mittelpunkt zu stellen. Ein weiterer Punkt ist, dass die Kompetenzen der Spitex teilweise noch unterschätzt werden. Die ambulante Pflege hat sich in den letzten Jahren stark entwickelt. Heute übernehmen Spitex-Fachpersonen hochkomplexe Aufgaben wie engmaschige Vitalzeichenüberwachung, intravenöse Therapien z.B. mit Antibiotika, spezialisierte Wundversorgung, Palliative Care und Psychiatriepflege. Dies alles rund um die Uhr.

Kooperation muss sich für alle Beteiligten auch finanziell lohnen – EFAS ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Gleichzeitig verfügen sie über eine einzigartige Expertise und Kompetenz in der Beurteilung des häuslichen Umfelds und der Einbindung der sozialen Umgebung einer Klient:innen. Schliesslich setzen unsere heutigen Finanzierungssysteme noch nicht die richtigen Anreize. Kooperation muss sich auch finanziell lohnen – und zwar für alle Beteiligten. Die einheitliche Finanzierung (EFAS) ist hier ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Einige Spitäler entwickeln ihre eigenen Hospital@Home-Programme. Wie lässt sich vermeiden, dass diese zu Überschneidungen statt zu einer gegenseitigen Ergänzung mit der Spitex führen?

Hospital@Home kann ein wichtiger Baustein der Gesundheitsversorgung von morgen sein – allerdings nur, wenn es als gemeinsames, integriertes Versorgungsmodell verstanden wird. Es wäre weder sinnvoll noch wirtschaftlich, bestehende ambulante Strukturen zu duplizieren. Die Spitex verfügt über jahrzehntelange Erfahrung in der Versorgung zu Hause, kennt die Besonderheiten des häuslichen Umfelds und bringt die pflegerischen Kompetenzen sowie die personellen Ressourcen mit, um diese Leistungen professionell zu Hause zu erbringen.

Sobald keine spitalärztliche Behandlung mehr erforderlich ist, sollte die medizinische Verantwortung an die Hausärzt:innen übergehen. Die Spitex begleitet die Patient:innen nahtlos weiter.

Die Rollen müssen deshalb klar verteilt sein: Während der akutstationären Phase trägt das Spital die medizinische Verantwortung und stellt die notwendige ärztliche Expertise sicher. Die Spitex übernimmt die Planung, Koordination und Durchführung der pflegerischen Versorgung im häuslichen Umfeld. Sobald keine spitalärztliche Behandlung mehr erforderlich ist, geht die medizinische Verantwortung an die Hausärztin oder den Hausarzt über. Die Spitex begleitet die Patient:innen nahtlos weiter und gewährleistet so die Kontinuität der Versorgung.

Spitex Schweiz sieht Hospital@Home als ambulante Behandlung, da es keine Spitalübernachtung gibt.

Aus diesem Grund fordern wir ein gemeinsames Vorgehen in diesen Projekten. Nur so können die Möglichkeiten und Grenzen der involvierten Akteure ausgelotet und eine optimale Versorgung gewährleistet werden. Und schlussendlich braucht es für ein gutes Gelingen eine faire Finanzierung. Spitex Schweiz sieht Hospital@Home als ambulante Behandlung, da es keine Spitalübernachtung gibt. Das heisst, die bestehenden ambulanten Finanzierungssysteme müssen die Basis sein.

Der Erfolg von Care@Home beruht weitgehend auf Datenaustausch und digitaler Koordination. Was sind Ihrer Meinung nach derzeit die Prioritäten, damit die Spitäler und die Spitex wirklich als ein einziges Versorgungsnetzwerk zusammenarbeiten können?

Die wichtigste Priorität ist die Interoperabilität. Alle beteiligten Leistungserbringer müssen relevante Informationen sicher, einfach und zeitnah austauschen können. Ebenso wichtig sind gemeinsame Prozesse für Koordination, Fallführung und Kommunikation. Digitalisierung ist die Grundlage für Qualität, Patientensicherheit und effiziente Zusammenarbeit.

Eine verstärkte häusliche Pflege verbessert aus Ihrer Sicht die Qualität und hilft gleichzeitig, die Kosten unter Kontrolle zu halten. Anhand welcher Indikatoren lässt sich in einigen Jahren nachweisen, dass diese Vision tatsächlich funktioniert?

Erfolg zeigt sich an weniger vermeidbaren Hospitalisationen und Rehospitalisationen, an einer höheren Patientenzufriedenheit, an einer besseren Lebensqualität, an einem längeren Verbleib zu Hause sowie an einer effizienteren Nutzung der vorhandenen Fachkräfte. Gleichzeitig müssen Qualität und Patientensicherheit mindestens gleich gut oder besser sein als heute.

Spitäler und Spitex sind gleichwertige Partner in einem gemeinsamen Versorgungssystem.

Was erwarten Sie konkret von den Spitalleitungen, damit Care@Home Realität wird?

Es braucht einen Kulturwandel – weg vom Denken in Institutionen, hin zum Denken entlang des Patientenpfads. Spitalleitungen sollten Kooperationen aktiv fördern, gemeinsame Versorgungsmodelle entwickeln und die ambulanten Partner wie die Spitex frühzeitig mit einbeziehen. Dies gilt umgekehrt natürlich genauso: Versorgung gelingt nur gemeinsam.

Wenn Sie den Führungsetagen der Spitäler, die noch Zweifel an Care@Home 2040 haben, eine einzige Botschaft mitgeben könnten, wie würde diese lauten?

Care@Home 2040 ist keine Konkurrenz zu den Spitälern, sondern unsere Zukunftsvision eines Miteinanders. Die demografische Entwicklung, die Ambulantisierung, der Fachkräftemangel und die steigende Zahl chronisch kranker Menschen machen eine integrierte und eng koordinierte Versorgung unverzichtbar. Wer heute partnerschaftlich handelt, stärkt die Qualität, Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit. Spitäler und Spitex sind gleichwertige Partner in einem gemeinsamen Versorgungssystem.

Care@Home 2040 ist kein Konkurrent der Spitäler, sondern eine gemeinsame Zukunftsvision.

Das Zielbild Care@Home 2040 sieht die häusliche Pflege künftig als zentralen Bestandteil des Gesundheitssystems, ohne dabei die Rolle der Spitäler und Kliniken zu schmälern. Diese bleiben für die Akutmedizin, spezialisierte Diagnostik und komplexe Behandlungen unverzichtbar, sie sollen sich aber stärker in koordinierte Netzwerke mit Spitex, Ärzteschaft und anderen Partnern integrieren. Jedoch bleiben das Denken in Silos, die Unterschätzung der Kompetenzen der Spitex und die immer noch unzureichenden finanziellen Anreize grosse Hemmnisse: Care@Home 2040 ist kein Konkurrent der Spitäler, sondern eine gemeinsame Zukunftsvision.

Beitragsbild: Canva

   

Bleiben Sie informiert über aktuelle Themen mit unserem monatlichen Newsletter