
Der demografische Wandel beschäftigt den Arbeitsmarkt: Während geburtenstarke Jahrgänge pensioniert werden, folgen weniger Fachkräfte. Dazu kommt: Jüngere Generationen wechseln gerne nach ein paar wenigen Jahren die Stelle.

Für Alexandra Käch, Chief Nursing Officer (CNO) und Mitglied der Geschäftsleitung am Kantonsspital Aarau (KSA), steht fest: «Unsere erfahrenen Mitarbeitenden sind die Anker in den Teams. Sie bringen Ruhe, Stabilität und viel Erfahrung in den zunehmend anspruchsvollen stationären Alltag. Gehen sie, geht Wissen verloren, das wir heute nicht mehr so schnell aufbauen können.» Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, geht das KSA seit dem 1. Januar 2026 neue Wege und fördert gezielt die Babyboomer-Generation Ü60. Das Ziel: Frühpensionierungen von Mitarbeitenden über 60 Jahren vermeiden und die Weiterbeschäftigung über das Pensionsalter hinaus ermöglichen.
«Monetäre Massnahmen allein sind nicht nachhaltig. Sie bringen weder den Berufsstolz noch die Identifikation zurück», betont die CNO, die selbst jahrelang am Patientenbett tätig war. Das Ü60-Konzept fokussiert darum auf spürbare Entlastung und Erholung bei der täglichen Arbeit. Im Zentrum steht eine weitreichende Autonomie bei der Dienstplanung. Ü60-Mitarbeitende, die bereits jahrzehntelang im 24/7-Rhythmus gearbeitet haben, dürfen bei der Ausgestaltung ihres Arbeitsplans mitbestimmen: Ihre Wünsche haben Vorrang vor betrieblichen Bedürfnissen und werden nur in Ausnahmesituationen zurückgestellt. «Die Situation ist die: Entweder können wir erfahrene Mitarbeitende halten oder nicht. Darum macht es Sinn, dieser Gruppe von Pflegenden besonders entgegenzukommen», so Alexandra Käch.
Zudem können Pflegende ab 60 Jahren administrative oder besonders herausfordernde Zusatzaufgaben wie Schichtleitungen oder die Berufsbildung abgeben. Nicht delegieren lässt sich die Arbeit direkt an den Patientinnen und Patienten, da wird die Fachkompetenz gebraucht. Doch Personen, die ihre Belastung senken wollen, werden individuell unterstützt – bis hin zum Wechsel etwa in ein Ambulatorium oder eine Tagesklinik. Ergänzt werden die Massnahmen mit einer zusätzlichen Ferienwoche für Personen Ü60 in patientennahen Bereichen, zwei Wochen Zusatzferien für alle Mitarbeitenden ab 65 sowie mit kostenlosen Gesundheitschecks und der Weiterführung von Dienstjubiläen über das ordentliche Pensionsalter hinaus.
Wenn wir die Erfahrenen im Team halten, profitieren alle. Es verhindert den Einsatz externer Temporärkräfte, was das gesamte Team entlastet.
Alexandra Käch
Die Reaktionen auf das neue Konzept sind mehrheitlich positiv. Besonders die selbstbestimmte Dienstplanung bewährt sich im Alltag. Dennoch bringt das Modell Herausforderungen mit sich. Für die Stationsleitungen zum Beispiel ist die Erstellung der Dienstpläne komplexer geworden. Auch unter jüngeren Angestellten gab es vereinzelt Stimmen, die von Ungleichbehandlung sprachen. Alexandra Käch versteht die Kritik, ist aber überzeugt: «Wenn wir die Erfahrenen im Team halten, profitieren alle. Es verhindert den Einsatz externer Temporärkräfte, was das gesamte Team entlastet. Genau darum haben wir am KSA diverse auf die jeweiligen Lebensabschnitte ausgerichtete Arbeitsmodelle implementiert.»
Wenn ich Menschen sehe, die voller Herzblut über das AHV-Alter hinaus arbeiten, beeindruckt mich das tief. Sie zeigen echten Berufsstolz. Es ist unsere Pflicht, ihnen etwas zurückzugeben.
Alexandra Käch
Ob die Massnahmen die Verweildauer im Beruf verlängern, wird die Zukunft zeigen. Zusammen mit Entlastungen bei pflegefremden Tätigkeiten durch die Bereiche Logistik und Hotellerie sowie mittels fortschreitender Digitalisierung stellt das Ü60-Konzept für Alexandra Käch aber schon jetzt einen Meilenstein dar: «Wenn ich Menschen sehe, die voller Herzblut über das AHV-Alter hinaus arbeiten, beeindruckt mich das tief. Sie zeigen echten Berufsstolz. Es ist unsere Pflicht, ihnen etwas zurückzugeben.»
Beitragsbild: Brigitte Loepfe, Expertin Intensivpflege am Kantonsspital Aarau, arbeitet übers Pensionsalter hinaus. (Foto: CH Media/Raphaël Dupain)