
Patientensicherheit entsteht nicht primär durch «fehlerfreie» Mitarbeitende, sondern durch verlässliche Abläufe, klar definierte Erwartungen und eine gelebte Sicherheitskultur. Vermeidbare Zwischenfälle werden meist durch mehrere Faktoren verursacht. Sie können reduziert werden, indem gemeinsames Lernen im Arbeitsalltag ermöglicht wird.
Damit Mitarbeitende Risiken, Beobachtungen und Verbesserungsideen in der Klinik und insbesondere gegenüber Vorgesetzten ansprechen, brauchen sie ein sicheres Umfeld: ein Arbeitsklima, in dem «Speak up» möglich ist, ohne Schuldzuweisungen und negative Folgen. Führung ist dabei zentral – sie prägt, ob Regeln verbindlich sind, ob aus Fehlern gelernt wird und ob Regeln nicht nur auf dem Papier stehen, sondern auch im Alltag gelten.
Moderne Arbeit an der Patientensicherheit verbindet zwei Perspektiven: Safety-I (aus Fehlern lernen und Wiederholungen verhindern) und Safety-II (aus Erfolgen lernen und gute Praktiken zuverlässig wiederholen). Beide Ansätze ergänzen sich und können mit einfachen Werkzeugen regelmässig im Arbeitsalltag umgesetzt werden.

Das Schweizer Paraplegiker-Zentrum SPZ hat im vergangenen Jahr sogenannte Safety Walks und Safety Talks eingeführt, um niederschwellig und im Dialog mit den Mitarbeitenden sicherheitsrelevante Themen zu erkennen, positive Beispiele zu unterstützen und hinderliche abzubauen.
Safety Walks sind gemeinsame Sicherheitsrundgänge von Prozessbeteiligten und Auditor:innen sowie Führungspersonen im klinischen Arbeitsumfeld. Im Vordergrund stehen Beobachtung und respektvolle Befragung – nicht das Nachstellen von Handlungen. Ein Rundgang vor Ort kann thematisch offen oder mit einem Schwerpunkt erfolgen.
Mögliche Themen können Hygiene, Medikation, aber auch Brandschutz oder andere sicherheitsrelevante Aspekte sein. Aus den Beobachtungen werden im Gespräch mit Verantwortlichen wenige, aber konkrete Schritte vereinbart, um positive Beispiele zu verstärken oder Schwachstellen zu eliminieren. Kleinere Themen lassen sich oft direkt vor Ort klären. Grössere oder komplexere Themen werden hingegen in andere Formate wie regelmässige Verbesserungsrunden, Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen oder CIRS-Tools gelenkt und zudem für eine spätere Wirkungskontrolle erfasst.
Safety Talks sind Gespräche zu Sicherheitsthemen im Arbeitsalltag. Sie fokussieren auf konkrete Fragestellungen aus der Praxis, die von Betroffenen oder Beteiligten als klärungsbedürftig eingestuft wurden, wie z.B. Beinahe-Ereignisse, Unsicherheiten, Prozessfehler oder Schnittstellenprobleme.
Bei Safety Talks geht es darum, Situationen zu verstehen und mit den Beteiligten gemeinsam Lösungen zu finden, die im Alltag funktionieren. Safety Talks enden mit einer klaren Abmachung: Was bleibt, was wird geändert, wer klärt was bis wann? Wie auch bei den Safety Walks liegt die Verantwortung für die Durchführung beim Qualitätsmanagement. So kann sichergestellt werden, dass Themen, die für andere Teams wichtig sind, breit angegangen werden. Der Nutzen von Safety Talks liegt in einer Normalisierung von «Sicherheitsdialogen», der Stärkung von «Speak up» sowie dem Transfer von Safety-I- und Safety-II-Lernen in die Arbeitsroutine.
Safety Walks und Safety Talks sind einfache Werkzeuge mit grosser Wirkung: Sie machen Risiken sichtbar, stärken die psychologische Sicherheit und führen zu konkreten Verbesserungen. Sie zeigen auch, dass es beim Qualitätsmanagement wichtig ist, die Mitarbeitenden zu unterstützen, die unmittelbar mit Patient:innen arbeiten. Wichtig ist dabei, dass den Rückmeldungen auch wirklich Taten folgen, deren Wirkung geprüft wird, um so eine klare Verbesserung im Alltag sichtbar zu machen.
Beitragsbild: Patientensicherheit ist immer multiprofessionell getragen und muss auch so weiterentwickelt werden. (Foto: SPZ)