
Investitionen in die Künstliche Intelligenz (KI) sind in aller Munde – doch ihr Mehrwert ist in vielen Branchen derzeit noch schwierig voll auszuschöpfen. Spitäler und ihr medizinisches und pflegerisches Personal können ihre Versorgungsleistungen nur begrenzt nach industriellen Abläufen gestalten.
Die Erwartungen der Beteiligten – von der Spitalleitung bis zum Personal mit Patientenkontakt – an den Nutzen einer neuen KI-gestützten Spitalsoftware unterscheiden sich oftmals, besonders wenn ein neues Klinikinformationssystem (KIS) im Haus eingeführt wird.
Die Einführung neuer Software im laufenden Spitalbetrieb ist stets eine Belastungsprobe für alle Beteiligten und verändert eingespielte Arbeitsroutinen. Unter Projektdruck treten mögliche Konflikte leichter zu Tage, und ein gutes internes Konfliktmanagement ist wichtig.
Die verschiedenen Berufsgruppen im Spital haben oft unterschiedliche Vorstellungen davon, welchen Nutzen KI bringt und wie sich ihre Arbeitsbelastung verändert.
Um Konflikte zu vermeiden, braucht es eine gemeinsame Sicht aller Beteiligten und klare, verständlich formulierte Ziele. Konflikte entstehen häufig aus unterschiedlichen Erwartungen. Werden KI-Systeme als spitalwirtschaftliche Investition gesehen, geht es vor allem um messbare finanzielle Vorteile für das Spitalunternehmen.
Viele Spitäler erwarten von KI eine höhere Produktivität durch Automatisierung. Administrative Prozesse – etwa Patientenverwaltung, Kapazitätsplanung, Logistik und Leistungsabrechnung – lassen sich nach einer Analyse und Anpassung der Abläufe vergleichsweise gut automatisieren.
Auch beim ärztlichen und pflegerischen Personal werden oft Produktivitäts- und Effizienzgewinne erhofft. Im direkten Kontakt mit Patient:innen sind diese Ziele jedoch nur begrenzt erreichbar, weil berufs- und versorgungsethische Werte dem industriell geprägten Effizienzgedanken entgegenwirken.
Eine gemeinsame Einschätzung der Beteiligten ist auch wichtig, um versorgungsbezogene Qualitätsziele zu definieren, die mithilfe von KI erreicht werden sollen.
Der finanzielle Nutzen entscheidet darüber, wie schnell sich eine KI-Investition spitalwirtschaftlich rechnet, zum Beispiel mittels effizienzbedingten Kosteneinsparungen und einer höheren Produktivität. Konflikte entstehen, wenn Zeitgewinne – etwa frei gewordene Arbeitszeit – vorschnell mit bereits erreichten finanziellen Vorteilen gleichgesetzt werden.
KI-Software kann zwar im Spitalalltag Zeit sparen – doch ob damit wirklich die Betriebskosten sinken oder zusätzliche Erlöse entstehen, ist eine offene Frage. Zudem greift das Produktivitätsparadoxon: Effizienzgewinne können durch den zusätzlichen Aufwand für Kontrolle und Überprüfung der KI-Ergebnisse teilweise wieder verloren gehen.
Ob Verbesserungen der klinischen Qualität im DRG-System kurzfristig zu höheren Umsätzen oder Margen führen, ist noch unklar. Für eine erfolgreiche Einführung braucht es zudem gut geschulte Fachpersonen, eine sorgfältig geplante Organisationsanpassung und eine vertrauensstärkende KI-Governance, was jeweils Zeit und Geld kostet.
Trotz aller Hürden kann sich der Einsatz von KI im Spital lohnen: Es handelt sich um mehr als ein reines IT-Projekt. So zeigen beispielsweise die hohen Gesamtkosten neuer KI-gestützter KIS, dass es dabei um eine langfristige, strategische Zukunftssicherung der Klinik in ihrer Versorgungsregion geht.
Die Bündelung der Daten zur Patientenversorgung ersetzt nicht nur alte, isolierte IT-Lösungen, sondern unterstützt miteinander kompatible Datenstrukturen im Spital und in seinem regionalen Versorgungsnetz. Bisher ungenutzte Daten werden dadurch vielfältig verwendbar. Wenn Datensilos und Brüche im Informationsfluss abgebaut und die Zahl technischer Schnittstellen verringert werden, stehen Daten verlässlicher und schneller zur Verfügung. So können Versorgungsentscheidungen stärker datengestützt sowie evidenzbasiert gefällt werden.
Mit einer Neustrukturierung der Spital-IT entsteht auch die Möglichkeit, dass die im Spital entstehenden Daten («Datengold») auch von Zulieferern und Partnern aus den Bereichen Health-IT, Pharma und Medizintechnik breiter wirtschaftlich genutzt werden können. Die hohen Investitionen im Spitalsektor zeigen, dass zentrale Akteure im Gesundheitswesen die Chancen von neuen digitalen Versorgungsangeboten als eine zusätzliche Wertschöpfungsmöglichkeit bereits erkannt haben.
Für das Spital kann es also versorgungsqualitativ und strategisch sinnvoll sein, in innovative KI-gestützte Software bzw. KIS zu investieren. Aus unternehmerischer Sicht, mit Blick auf das Arbeitsklima und die Patientenerwartungen, ist es aber wichtig, schon früh im Auswahl- und Beschaffungsprozess zu planen, wie die neue Software im Spitalalltag möglichst konfliktarm eingeführt und zum Nutzen der Patient:innen betrieben werden kann.
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