
Seit Jahren diskutieren wir vor allem über die Kosten des Gesundheitswesens. Doch wer heute die Schweizer Spitallandschaft aufmerksam betrachtet, erkennt etwas viel Grundlegenderes: Der gesamte Bereich befindet sich inmitten einer tiefgreifenden Transformation.
Diese Transformation ist keine Vision und kein Reformprojekt für morgen. Sie findet bereits heute statt. In allen Regionen unseres Landes. Spitäler und Kliniken entwickeln neue Formen der Zusammenarbeit, bündeln Kompetenzen, konzentrieren hochspezialisierte Leistungen, bauen ambulante Angebote aus und organisieren die Versorgung zunehmend in regionalen Netzwerken. Diese Entwicklung zeigt eindrücklich, dass diese Dynamik längst die gesamte Schweiz erfasst hat.
Die Schweizer Bevölkerung wird älter. Chronische Erkrankungen nehmen zu. Gleichzeitig ermöglichen medizinischer Fortschritt und Digitalisierung neue Behandlungsformen. Die Versorgung der Zukunft wird deshalb weniger durch einzelne Spitäler geprägt sein als durch gut koordinierte Netzwerke, integrierte Patientenpfade und eine enge Zusammenarbeit zwischen stationären, ambulanten und nachgelagerten Leistungserbringern.
Genau auf diese Entwicklung reagieren die Spitäler bereits heute: Im Tessin arbeiten öffentliche und private Leistungserbringer enger zusammen. In Graubünden entstehen regionale Spitalnetzwerke. In Zürich werden medizinische Allianzen aufgebaut, und mit Beispielen wie dem Réseau Bleu und dem Réseau de l’Arc entwickeln sich in der Westschweiz innovative Modelle integrierter Versorgung. Diese Beispiele stehen stellvertretend für eine Entwicklung, die vielerorts bereits Realität geworden ist.
Diese Veränderung wird nicht von oben verordnet. Sie entsteht dort, wo täglich Verantwortung für Patient:innen übernommen wird. Die Spitäler reagieren auf den demografischen Wandel, den Fachkräftemangel, die geforderte Ambulantisierung und den wirtschaftlichen Druck. Sie entwickeln neue Lösungen, weil die bisherigen Versorgungsmodelle den Anforderungen der Zukunft immer weniger gerecht werden.
Während sich die Versorgung bereits wandelt, halten viele Akteure bei der Planung und Finanzierung noch an den Strukturen der Vergangenheit fest. Die Versorgung wird häufig entlang von Institutionen, Kantonsgrenzen und einzelnen Leistungsaufträgen organisiert, obwohl Patient:innen längst sektorübergreifend behandelt werden. Kooperationen werden erwartet, ihr Aufbau wird aber kaum unterstützt. Ambulante und stationäre Leistungen werden weiterhin unterschiedlich finanziert, obwohl sie Teil desselben Behandlungspfades sind.
Die Transformation muss deshalb nicht mehr angestossen werden. Sie muss endlich ermöglicht werden. Die Weiterentwicklung der Spitalplanung ist dafür ein wichtiger Schritt. Aber sie wird nur dann erfolgreich sein, wenn die Spitäler und Kliniken von Anfang an als Partner einbezogen werden.
Wer die Zukunft der Spitalversorgung plant, kann dies nicht über die Köpfe hinweg jener tun, die diese Versorgung täglich sicherstellen. Die Leistungserbringer kennen die Patientenströme, die regionalen Versorgungsbedürfnisse sowie praktische Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Sie wissen, welche Modelle funktionieren, wo Hindernisse bestehen und welche Voraussetzungen geschaffen werden müssen. Dieses Wissen ist keine Ergänzung der Planung – es ist ihre Voraussetzung.
Genau hier setzt die Strategie 2030+ von H+ an: Unser Auftrag besteht nicht darin, die Transformation zu erfinden. Sie findet bereits statt. Unsere Aufgabe ist es, die vielfältigen Entwicklungen in der Schweiz sichtbar zu machen, Orientierung zu geben, Spitäler mit erfolgreichen Modellen miteinander zu vernetzen und gemeinsam mit unseren Mitgliedern und der Politik die richtigen Rahmenbedingungen für die Versorgung von morgen zu schaffen.
Deshalb begleiten wir den schweizweiten Transformationsprozess. Wir kartieren die laufenden Veränderungen der Spitallandschaft, bringen Vertreter:innen aus Spitälern und Kliniken in einer nationalen Expertengruppe zusammen und entwickeln gemeinsam konkrete Vorschläge für die Planung und Finanzierung. Diese Arbeiten fliessen in Positionspapiere, den politischen Dialog sowie in die Grundlagen zur Zukunft der Schweizer Gesundheitsversorgung ein. Die Zukunft der Gesundheitsversorgung entsteht nicht in einzelnen Institutionen. Sie entsteht dort, wo Wissen geteilt, gemeinsam Verantwortung übernommen und Lösungen zusammen entwickelt werden.
Die zentrale Frage lautet deshalb nicht, wie viele Spitäler die Schweiz braucht. Entscheidend ist vielmehr, welche Versorgung eine älter werdende Bevölkerung künftig benötigt und wie diese qualitativ hochwertig, zugänglich und langfristig finanzierbar organisiert werden kann. Die bestehenden Strukturen dürfen nicht die Versorgung von morgen bestimmen. Vielmehr müssen die künftigen Bedürfnisse der Bevölkerung Ausgangspunkt jeder Spitalplanung sein.
Dafür braucht es Versorgungsräume statt Verwaltungsgrenzen, integrierte Patientenpfade statt Sektorendenken und Anreize für Kooperation statt isolierter Einzelstrukturen. Die Transformation der Spitallandschaft ist keine Bedrohung für unser Gesundheitswesen. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass wir Qualität, Versorgungssicherheit und Zugänglichkeit auch in Zukunft gewährleisten können.
Die Schweizer Spitäler und Kliniken haben diesen Weg bereits eingeschlagen. Jetzt ist es Aufgabe der Politik, ihnen die notwendigen Rahmenbedingungen zu geben, damit aus vielen erfolgreichen Einzelinitiativen ein zukunftsfähiges Gesamtsystem entstehen kann. Die Zukunft der Spitallandschaft wird nicht am Reissbrett entstehen. Sie entsteht dort, wo Menschen täglich Verantwortung für Patient:innen übernehmen. Diese Erfahrung muss zum Ausgangspunkt der gesundheitspolitischen Entscheidungen werden. H+ wird diesen Prozess gemeinsam mit seinen Mitgliedern konsequent vorantreiben.
H+ bringt die Transformation voran
H+ macht erfolgreiche Kooperationen sichtbar, vernetzt solche Modelle miteinander und gibt Orientierung. Zusammen mit seinen Mitgliedern identifiziert der Verband Hindernisse und entwickelt konkrete Reformvorschläge. Gemeinsam mit der Politik sollen bessere Rahmenbedingungen für Versorgungsräume und integrierte Patientenpfade entstehen, um die Anpassung an den demografischen Wandel erfolgreich zu gestalten – genau dort, wo Menschen täglich Verantwortung für Patient:innen übernehmen.
Beitragsbild: Aus Sicht von H+ entscheidet sich die Zukunft der Spitallandschaft nicht an Spitalstandorten, sondern daran, wie wir die Bevölkerung am besten versorgen. (Foto: Canva)