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7. April 2026

Background

Schweizerische Vereinigung für Qualitäts- und Management-Systeme (SQS)

Ein Managementsystem lohnt sich auch für Spitäler

SQS-Auditorin Regula Benz erklärt, wie ISO-Zertifizierungen Spitälern und Kliniken helfen, Prozesse zu verbessern, Wissen zu sichern und Qualität nachhaltig zu stärken. – Interview von Claudia Furger

Regula Benz, viele denken, ISO-Zertifizierungen seien nur etwas für grosse Industrieunternehmen. Welche Vorteile bieten sie gerade auch für Spitäler und Kliniken?

Tatsächlich werden ISO-Zertifizierungen noch immer stark mit der Industrie und mit Grosskonzernen assoziiert. Dabei sind die zugrunde liegenden Prinzipien wie klare Prozesse, transparente Verantwortlichkeiten und kontinuierliche Verbesserung natürlich auch für Spitäler und Kliniken relevant. Denn im Gesundheitswesen ist der Druck hoch. Es müssen hohe Standards eingehalten werden, etwa bei Qualität, Datenschutz oder Sicherheit, und das meist mit knappen personellen und finanziellen Mitteln. Ein zertifiziertes Managementsystem bringt hier Struktur in den Alltag. Es hilft, Prioritäten zu setzen, Verantwortlichkeiten zu klären und Prozesse so zu gestalten, dass sie funktionieren – auch unter Druck. Das entlastet die Leitung wie auch das Team und schafft Orientierung und Verlässlichkeit.

Eine ISO-Zertifizierung ist auch ein strategisches Signal nach aussen – sie zeigt, dass ein Unternehmen bereit ist, in Qualität, Sicherheit und Zukunftsfähigkeit zu investieren.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Wissen im Betrieb. In kleineren Organisationen kann viel an einzelnen Personen hängen. Wenn jemand unerwartet ausfällt, kann das rasch zu Lücken führen. Ein ISO-Managementsystem sorgt dafür, dass dieses Wissen dokumentiert und im Team verankert wird. So werden Abhängigkeiten reduziert, die Zusammenarbeit gestärkt und die betriebliche Stabilität insgesamt verbessert.

Regula Benz, Auditorin im Gesundheits- und Sozialwesen, Schweizerische Vereinigung für Qualitäts- und Management-Systeme (SQS).
(Foto: zvg)

Der Aufwand und die Kosten einer Zertifizierung wirken auf viele Spitäler und Kliniken im ersten Moment abschreckend. Warum lohnt sich eine solche Investition trotzdem?

Diese Bedenken sind verständlich. Gerade weil Zeit und Ressourcen knapp sind, erscheint eine ISO-Zertifizierung zunächst als Zusatzbelastung. Doch der Mehrwert liegt nicht nur im Zertifikat selbst, sondern im Entwicklungsprozess, der damit einhergeht. Ein Managementsystem zwingt dazu, genau hinzuschauen: Wo läuft etwas nicht rund? Welche Abläufe sind unnötig kompliziert? Wo entstehen wiederholt dieselben Fehler? Diese Reflexion bringt Klarheit und schafft die Basis für gezielte Verbesserungen. Viele Organisationen berichten, dass sie dadurch nicht nur effizienter werden, sondern auch flexibler auf Veränderungen reagieren können. Ein weiterer Punkt, der oft unterschätzt wird, ist der Lerneffekt im Team. Mitarbeitende werden stärker einbezogen, das Verantwortungsbewusstsein wächst. Diese Kultur der gemeinsamen Weiterentwicklung entsteht nicht über Nacht, aber sie ist ein grosser Gewinn, der sich langfristig auszahlt. Nicht zuletzt ist eine ISO-Zertifizierung auch ein strategisches Signal nach aussen: Sie zeigt, dass ein Unternehmen bereit ist, in Qualität, Sicherheit und Zukunftsfähigkeit zu investieren. Gerade im Kontakt mit Behörden und Partnern kann das ein entscheidender Vorteil sein.

Wie unterstützt eine ISO-Zertifizierung Organisationen im Umgang mit Risiken?

Ein Managementsystem schafft eine solide Basis, um auch in herausfordernden Situationen den Überblick zu behalten. Ein zentraler Bestandteil ist das strukturierte Risikomanagement. Es hilft, potenzielle Schwachstellen frühzeitig zu erkennen und Massnahmen zu entwickeln, bevor es zu Problemen kommt. Das gibt Sicherheit. Alle wissen besser, worauf sie achten müssen und wie im Fall der Fälle reagiert werden soll. Gerade in Zeiten von Fachkräftemangel, neuen gesetzlichen Anforderungen oder wirtschaftlicher Unsicherheit ist das ein grosser Vorteil. Dabei geht es nicht darum, jede Eventualität zu kontrollieren, sondern vorbereitet zu sein und handlungsfähig zu bleiben, auch wenn es mal nicht nach Plan läuft.

Der Mehrwert liegt nicht nur im Zertifikat selbst, sondern im Entwicklungsprozess, der damit einhergeht.

Sie erwähnen die gesetzlichen Anforderungen. Mit der Einführung des Qualitätsvertrags nach Art. 58a KVG sind Spitäler und Klinken verpflichtet, ihre Qualität systematisch zu messen und weiterzuentwickeln. Welche Rolle kann ein ISO-Managementsystem dabei spielen?

Der Artikel 58a hat die Bedeutung von Qualitätssicherung im Gesundheitswesen deutlich gestärkt. Spitäler und Kliniken müssen heute gemäss Qualitätsvertrag nachweisen, dass sie Qualitätsarbeit strukturiert betreiben und kontinuierlich verbessern. Ein ISO-Managementsystem bietet dafür den idealen Rahmen: Es legt fest, wie Qualität geplant, umgesetzt, überprüft und weiterentwickelt wird – nach dem bewährten Plan–Do–Check–Act-Zyklus. So lassen sich die gesetzlichen Anforderungen nicht nur formell erfüllen, sondern auch praktisch und nachhaltig umsetzen. Die Organisation gewinnt Transparenz über ihre Prozesse, kann Fortschritte belegen und gezielt Verbesserungen anstossen.

Rettungsdienst Männedorf: Wie die ISO 9001 mithilft, Leben zu retten

Erfolgreiche Rettungseinsätze hängen nicht nur vom Engagement der Einsatzkräfte ab. Ebenso entscheidend sind klare Strukturen im Hintergrund. Sie schaffen Sicherheit, minimieren Risiken und ermöglichen es Rettungsteams, auch unter Zeitdruck konzentriert zu handeln. Igor Gazzani kennt beide Seiten des Rettungsalltags: Über 17 Jahre leitete er den Rettungsdienst Männedorf, heute arbeitet er wieder als diplomierter Rettungssanitäter im Einsatz. Auch in seiner heutigen Funktion bringt er seine Erfahrung im Qualitätsmanagement nach ISO 9001 ein, das dabei hilft, Abläufe zu strukturieren und die Einsatzbereitschaft jederzeit sicherzustellen.

Bei einem Rettungseinsatz zählt jede Minute. Spätestens 15 Minuten nach einem Notruf muss das Team beim Patienten eintreffen. Um diese Vorgabe einzuhalten, braucht es mehr als medizinisches Know-how: Fahrzeuge, Geräte, Medikamente und Kommunikation müssen zusammenspielen. Der Rettungsdienst Männedorf ist zusätzlich nach den Standards des Interverband für Rettungswesen (IVR) zertifiziert. Während diese Vorgaben vor allem die medizinische Grundversorgung regeln, hilft die ISO 9001, interne Prozesse effizient zu organisieren. Zuständigkeiten sind klar definiert, Abläufe standardisiert und Aufgaben im Team transparent verteilt. Das schafft Ruhe und Orientierung – auch in einem dynamischen Arbeitsumfeld.

Ein Beispiel ist die Medikamentenlogistik. Materialien werden heute genau geplant bereitgestellt, sodass nichts vergessen geht oder verfällt. Auch Wartungen von Fahrzeugen und Geräten werden systematisch dokumentiert. Defekte werden sofort gemeldet und nachverfolgt, wodurch Probleme früh erkannt werden. Externe Audits bringen zusätzlich Impulse. Der Blick von aussen hilft, Schwachstellen zu erkennen und Potenziale zu nutzen.

Mehr Informationen: www.sqs.ch/de

Beitragsbild: Canva

   

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