
Unter dem Motto «selbstbestimmt und eingebunden» findet am 1. März 2026 der Tag der Kranken statt. Hinter dem Tag steht der gleichnamige Trägerverein, der die Bevölkerung einmal pro Jahr zu einem Thema aus dem Bereich «Gesundheit und Krankheit» sensibilisiert. H+ ist Mitglied des Vereins und unterstützt ihn in seinen Aktivitäten.
Claudia Kessler, Ärztin und langjährige Beraterin des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) zum Thema Selbstmanagement-Förderung, spricht darüber, wie Spitäler und Kliniken Patient:innen besser in die Behandlung einbinden können. Dies ist insbesondere bei chronisch erkrankten Menschen wichtig, um sie für ein möglichst selbstbestimmtes Leben besser zu unterstützen.
Dies lässt sich pauschal nicht beantworten, da Fremd- und Selbstbestimmung individuell sind und von den Einschränkungen und der Lebenssituation der Betroffenen abhängen. So kommt es beispielsweise darauf an, wie sich der Wohnbereich bei einer Person mit Mobilitätseinschränkungen gestaltet. Fremd- und Selbstbestimmung sind auch abhängig vom Verständnis der Arbeitgebenden und der Flexibilität bei den Arbeitsbedingungen, zum Beispiel bezüglich Homeoffice.
Niemand ist zu 100 Prozent selbstbestimmt – mit Kindern und als arbeitstätige Person sowieso nicht.
Ich bin jedoch nicht glücklich mit der Gegenüberstellung der Begriffe Selbst- und Fremdbestimmung. Niemand ist zu 100 Prozent selbstbestimmt – mit Kindern und als arbeitstätige Person sowieso nicht. Ich empfehle, die Pole zwischen Autonomie und Selbstwirksamkeit, über Abhängigkeit von Unterstützung, bis hin zu Bevormundung, respektive Fremdbestimmung als Kontinuum zu sehen.

Für chronisch erkrankte Menschen ist es eine Herausforderung zu realisieren, dass das Ziel vielfach keine 100-prozentige Heilung mehr sein kann. Hingegen ist es möglich, sich so viel Lebensqualität wie möglich zu erhalten und auf eine möglichst gute «Genesung» hinzuarbeiten. Es ist eine Aufgabe aller Beteiligten – der Betroffenen, der Fachpersonen und der Gesellschaft –, Autonomie und Selbstbestimmung im Auge zu behalten und zu fördern. Gleichzeitig ist es für Betroffene eine zentrale Lernaufgabe, Unterstützung und Begleitung anzunehmen, wo es nötig ist.
Die zentrale Herausforderung für die Betroffenen ist es, einen konstruktiven Umgang mit der Erkrankung zu finden. Niemand kann ihnen diese Aufgabe abnehmen. Die Akteur:innen des Gesundheitswesens können sie jedoch dabei unterstützen und das Selbstmanagement von Menschen mit langjährigen Erkrankungen oder Beeinträchtigungen konsequent fördern. Ein Spital, das in diesem Themenbereich eine Vorreiterrolle einnimmt, sind die Hôpitaux Universitaires Genève (HUG). Das HUG arbeitet bereits seit 1975 mit dem Thema der Selbstmanagement-Förderung, hat diese im Spitalalltag eingebunden und bildet seine Mitarbeitenden entsprechend aus. Es ist heute eine Referenzzentrum der WHO für diesen Themenbereich.1 Das Konzept der Selbstmanagement-Förderung wurde vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) in Kollaboration mit vielen Partnerorganisationen und Expert:innen auf die Schweiz angepasst.
Ein Spital, das beim Thema Selbstmanagement eine Vorreiterrolle einnimmt, sind die Hôpitaux Universitaires Genève (HUG).
Im Grundsatz geht es darum, Patient:innen im Umgang mit ihrer Krankheit zu befähigen. Dabei spielt das Zusammenspiel zwischen Patient:in, Fachperson und Angehörigen eine zentrale Rolle. Das Machtgefälle zwischen Ärzt:in und Patient:in soll abgebaut werden. Betroffene sollen nicht auf ihre Krankheit reduziert werden, sondern als Person ganzheitlich wahrgenommen werden. Auch wenn die Kompetenzen der drei Akteursgruppen unterschiedlich sind, kann ein Austausch auf Augenhöhe geführt werden, sodass die Expertise aus Erfahrung der Patient:innen und Angehörigen ebenfalls einfliesst – im Sinne eines «Shared Decision Making».
Betroffene sollen nicht auf ihre Krankheit reduziert, sondern als Person ganzheitlich wahrgenommen werden.
Zu Beginn braucht es mit diesen Ansätzen etwas mehr Zeit in den Konsultationen. Studien zeigen jedoch, dass sich langfristig auch Effizienzgewinne in der Versorgung erzielen lassen.
Angehörige werden in der Gesundheitsversorgung von Menschen mit chronischen/langwierigen gesundheitlichen Einschränkungen oft vergessen. Sie werden selten gefragt, ob sie in den Konsultationen mit den Betroffenen dabei sein möchten. Dabei sind sie eine grosse Ressource, die für alle gewinnbringend in die Versorgung eingebunden werden sollten. Angehörige haben zudem eigene Informations- und Unterstützungsbedürfnisse. In vielen Themenbereichen existieren Selbsthilfegruppen, die sich spezifisch an Angehörige richten. Es ist wichtig, dass Fachpersonen in Spitälern und Kliniken davon Kenntnis haben und Angehörige darauf hinweisen.
Angehörige werden in der Gesundheitsversorgung oft vergessen. Dabei sind sie eine grosse Ressource.
Auch gilt es die Selbstmanagement-Kompetenzen nicht nur der Betroffenen sondern auch der Angehörigen zu fördern. Sie bringen sich in die Betreuung von Menschen mit chronischen Erkrankungen nicht selten weit über ihre eigenen Kräfte ein, was in eine Überforderung und gesundheitliche Risiken münden kann. Auch für sie ist es eine zentrale Lernaufgabe, Selbstbestimmung und vor allem Selbstsorge zu pflegen.
Peers, also Menschen mit längerer Erfahrung im Umgang mit ähnlichen Beeinträchtigungen wie Patient:innen mit einer bestimmten Erkrankung, spielen für Betroffene und Angehörige im Umgang mit chronischen, langwierigen gesundheitlichen Einschränkungen eine zentrale Rolle.
Die Zusammenarbeit mit Peers und Angebote zur Selbsthilfe sollten in Spitälern und Kliniken vermehrt fester Bestandteil der Angebote sein.
Besonders bei Krankheiten, bei denen die Schulmedizin noch wenig weiss und rasch an ihre Grenzen stösst, wie beispielsweise aktuell bei Long Covid, ist der Austausch mit anderen Betroffenen enorm wertvoll. Die Zusammenarbeit mit Peers und Angebote zur Selbsthilfe sollten in Spitälern und Kliniken vermehrt fester Bestandteil der Angebote sein. Optimalerweise werden Peers, wie heute bereits im Bereich der Psychiatrie vielerorts Realität, geschult und in einem Anstellungsverhältnis als Versorgungsakteure eingebunden.
Mehr Infos zum Tag der Kranken am 1. März 2026: www.tagderkranken.ch
Beitragsbild: Canva