David Queloz Hôpital Daler
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11. Juli 2024

Interview

Spitalfinanzierung

«Wir werden kämpfen müssen, um weiterhin positive Zahlen zu präsentieren.»

Die Stiftung Jules-Daler-Spital schloss das Geschäftsjahr 2023 im 17. Jahr in Folge mit einem ausgeglichenen Ergebnis ab. Dennoch zeigt sich ihr Direktor besorgt über die Zukunft der Spitäler und Kliniken. Im Interview mit Competence spricht Dr. David Queloz über seine Sorgen.

Competence Muriel Chavaillaz

Autorin

Muriel Chavaillaz

Journaliste de Competence pour la Suisse romande et le Tessin

muriel.chavaillaz@hplus.ch

Das Daler Spital weist zum 17. Mal in Folge eine positive Bilanz auf und hat immer noch eine der tiefsten Baserates der Schweiz (8970 Franken im Jahr 2023). Viele Spitäler haben mit grossen finanziellen Problemen zu kämpfen. Was ist Ihr Geheimnis?

Wir haben keine magische Formel, aber sicherlich eine besondere DNA. Das Daler Spital wurde von der reformierten Kirche in Freiburg gegründet. Im 19. Jahrhundert war es in Freiburg schwierig, sich behandeln zu lassen, wenn man nicht französischsprachig und katholisch war. Als Jules Daler, ein Mitglied der reformierten Gemeinde Freiburg, starb, hinterliess er fast eine Million Franken, um ein Hospiz zu errichten, das für alle Menschen offenstand. Seine einzige Bedingung war, dass es keinen Proselytismus, also das Abwerben von Gläubigen aus anderen Konfessionen, geben durfte. Die reformierte Kirche war seine Testamentsvollstreckerin, die Eröffnung fand im Oktober 1917 statt.

Im Gegensatz zu den Privatspitälern sind wir nicht auf die als profitabler geltende Orthopädie spezialisiert. Unsere Fachgebiete sind nicht die attraktivsten: Wir konzentrieren uns insbesondere auf die Geburtshilfe.

Unser öffentlicher Auftrag ist auch 2024 noch immer aktuell, was für ein Privatspital selten ist. Das hat Vorteile: Natürlich zahlen wir keine Steuern, aber vor allem zeigt dies auch, dass wir ein fester Bestandteil der Freiburger Spitallandschaft sind, genauso wie zum Beispiel das HFR. Auch heute noch nehmen wir alle auf: 86 Prozent unserer Patient:innen in der allgemeinen Abteilung, wir sind also keine traditionelle Privatklinik. Im Gegensatz zu den Privatspitälern sind wir nicht auf die als profitabler geltende Orthopädie spezialisiert. Unsere Fachgebiete sind tatsächlich nicht die finanziell attraktivsten: Wir konzentrieren uns insbesondere auf die Geburtshilfe. So ist das Daler Spital die grösste Geburtsklinik des Kantons Freiburg und die zweitgrösste private Geburtsklinik der Schweiz. Dies zwingt uns insbesondere dazu, Hebammen, einen Anästhesiearzt und ein OP-Team 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr zur Verfügung zu stellen, was sehr kostspielig ist.

Eine weitere Besonderheit ist, dass das Daler Spital eine Stiftung ist.

Ja, es ist nicht möglich, uns zu kaufen, da wir keinen Eigentümer haben. Wenn wir am Ende eines Geschäftsjahres ein positives Ergebnis erzielen, investieren wir das Geld in zukünftige Projekte des Spitals. Wir können es uns nicht leisten, rote Zahlen zu schreiben. Weder der Staat noch ein Aktionär würde unsere Schulden bezahlen.

Ist der wirtschaftliche Druck spürbar?

Vor einigen Jahren hätte ich diese Frage eher verneint. Aber die Dinge haben sich seitdem stark verändert. Der Druck, den wir heute verspüren, bringt auch uns in eine komplizierte Situation. Und es gibt keine staatliche Unterstützung, die uns dabei hilft, den allgemeinen Anstieg der Kosten aufzufangen.

Machen Sie sich trotz der erfreulichen Bilanz 2023 Sorgen um die Zukunft?

Ja, eindeutig stärker als zuvor. Die kommenden Jahre werden schwierig werden, da die Kosten im Vergleich zu den Einnahmen überproportional steigen. Die Personalkosten, die 70 bis 80 Prozent der Gesamtkosten ausmachen, werden immer wichtiger. Im Allgemeinen hat das Personal immer höhere Erwartungen, es fordert beispielsweise mehr Einkommen, aber auch mehr Freizeit. Im Gesundheitswesen können wir aber nur sehr wenig durch Maschinen ersetzen, um so Kosten zu sparen. Der Mensch steht im Mittelpunkt. Und die Tarife passen sich nicht automatisch an die sich ändernden finanziellen Bedürfnisse an.

Die kommenden Jahre werden schwierig werden, da die Kosten im Vergleich zu den Einnahmen überproportional steigen. Die Personalkosten, die 70 bis 80 Prozent der Gesamtkosten ausmachen, werden immer wichtiger.

Darüber hinaus belasten die sich ändernden gesetzlichen Anforderungen Ihre Bilanz…

In der Tat und das bereitet mir grosse Sorgen. So verlangen beispielsweise die neuen Qualitätsvereinbarungen zwischen Versicherern und Leistungserbringern von uns eine beeindruckende Menge an Massnahmen, die wir umsetzen und überwachen müssen. Kleinere Spitalbetriebe wie unserer haben nicht die Ressourcen, um dies zu tun. Ein weiteres Beispiel ist die Vernehmlassungsvorlage zum zweiten Teil der Umsetzung der Pflegeinitiative. Sie wird sich erheblich auf unsere Situation auswirken: Die Arbeitszeit der Pflegenden soll reduziert werden. Dies wird uns zwingen, bis zu zehn Prozent mehr Personal einzustellen. Sofern wir dieses überhaupt finden. Zudem müssen wir diese zehn Prozent mehr Lohnkosten auch finanzieren können. Es ist ja nicht so, dass wir gesetzliche Vorgaben vorfinanzieren können.  

Hôpital Daler
«Abgesehen vielleicht von den universitären Zentren ist bin ich überzeugt, dass alle Pflegenden aus der Westschweiz und aus Bern im Daler Spital sehr attraktive Lohnbedingungen vorfinden», sagt Dr. David Queloz.

Was sind Ihre Lösungen, um damit umzugehen?

Wir werden kämpfen müssen, um weiterhin positive Zahlen vorlegen zu können. Auch die aktuelle Konjunktur macht uns zu schaffen. Punkten können wir vielleicht mit unserer Effizienz, die einen Unterschied macht. In der Schweiz sind alle Einrichtungen effektiv, d.h. sie erbringen die gewünschte Leistung in der erwarteten Qualität. Das Daler Spital muss aber nicht nur effektiv, sondern auch effizient sein. Wir sind also mit einem Minimum an Ressourcen effizient, was sich positiv auf die Kosten auswirkt.

Effizienz im Unternehmen zu verankern ist essenziell. Alle müssen zusammenarbeiten, um die Qualität aufrechtzuerhalten und dabei auf allen Ebenen so wenig Ressourcen wie möglich zu verbrauchen.

Können Sie uns ein konkretes Effizienz-Beispiel nennen?

Im Jahr 2023 haben wir einen Operationsroboter gekauft. Nicht nur die Instrumente sind teuer, sondern auch die Wartung und das Gerät selbst. Wir haben ihn ursprünglich für Prostatektomien (Entfernung der Prostata) angeschafft: Der Roboter bringt im Vergleich zur manuellen Laparotomie einen echten Mehrwert sowohl für die Patient:innen als auch für die Ärzteschaft. Allerdings kann man mit diesem Gerät auch viele andere Operationen durchführen. Wenn man die Kosten der Nutzung nicht in Betracht zieht, könnte der Roboter auch in anderen Bereichen wie in der Chirurgie, Gynäkologie usw. nützlich sein. Mit Blick auf das Kosten-Nutzen-Verhältnis, also die Effizienz, kann der Roboter aber nicht unbegrenzt eingesetzt werden. Wir halten uns daher an eine strikte Operationsliste und auch die Ärzt:innen spielen mit, indem sie diese massvolle Nutzung der Ressourcen akzeptieren. Es ist zwingend erforderlich, dass das Gesundheitspersonal, das vor Ort ist, Verantwortung übernimmt. Ob diese Abwägung in allen Spitälern und Kliniken vorgenommen wird, ist aus meiner Sicht fraglich.

Ist Effizienz der Schlüssel?

Für uns ist das in der Tat eine entscheidende Frage. Effizienz im Unternehmen zu verankern ist essenziell. Alle müssen zusammenarbeiten, um die Qualität aufrechtzuerhalten und dabei auf allen Ebenen so wenig Ressourcen wie möglich zu verbrauchen. In jeder Einrichtung gibt es unzählige Quellen für Ineffizienz. Dies ist Teil des Unternehmergeistes, den wir in unserer Organisation bewahren möchten.

Das Besondere ist, dass wir mit Einrichtungen konkurrieren, die dank der erhaltenen staatlichen Unterstützung nicht vollständig für die Kosten aufkommen müssen, die sie erzeugen. Es stimmt auch, dass sie oft an Entscheidungen der Politik gebunden sind, insbesondere bei vorgeschriebenen Lohnstrukturen oder bei der Gewährung von inflationsbedingten Lohnerhöhungen.

Ist Ihre aktuell gute finanzielle Lage auch darauf zurückzuführen, dass das Pflegepersonal im Daler Spital schlechter als üblich bezahlt wird?

Nein, wir können zwar nicht die gleichen Lohnbedingungen bieten wie das öffentliche Spital, das in vielen Bereichen zu den drei besten in der ganzen Schweiz gehört. Aber abgesehen vielleicht von den universitären Zentren bin ich überzeugt, dass alle Pflegenden aus der Westschweiz und aus Bern im Daler Spital sehr attraktive Lohnbedingungen vorfinden. Aber ich bin sicher, dass sie in erster Linie wegen der Qualität der gebotenen Arbeitsbedingungen zu uns kommen. Das Besondere ist, dass wir mit Einrichtungen konkurrieren, die dank der erhaltenen staatlichen Unterstützung nicht vollständig für die Kosten aufkommen müssen, die sie erzeugen. Es stimmt auch, dass sie oft an Entscheidungen der Politik gebunden sind, insbesondere bei vorgeschriebenen Lohnstrukturen oder bei der Gewährung von inflationsbedingten Lohnerhöhungen. Dies unterstreicht erneut die Verantwortung der Kantone für die allgemeine finanzielle Situation der Spitäler und Kliniken, direkt für die öffentlichen und indirekt für die privaten.

Wie gelingt es Ihnen, Personal zu gewinnen und im Betrieb zu halten?

Wir bieten ein besonderes Arbeitsumfeld. Unser Spital hat eine überschaubare Grösse mit echten Führungskräften, jeder kennt mich und kann mir Fragen stellen, ich bin immer erreichbar. Zweitens haben wir ein höheres Pflege-Patient:innen-Verhältnis als anderswo. Die Pflegenden haben dadurch viel mehr Zeit, ihre Arbeit auszuüben, und schätzen das. Drittens sind wir sehr flexibel. So bieten wir im Teilzeitbereich sehr flexible Arbeitsbedingungen. Und schliesslich ist die Beziehung zu den Belegärzt:innen speziell. Die Ärzt:innen sind bei uns nicht immer vor Ort. Sie müssen eine vertrauensvolle, professionelle Beziehung zu unserem Personal haben. Es herrscht ein grosser gegenseitiger Respekt und dieses wertschätzende Element ist sehr wichtig.

Können Sie uns etwas mehr über die interne Organisation erzählen?

Das Daler Spital hat etwa 300 Mitarbeitende und eine flache Unternehmenshierarchie: Es gibt einen Generaldirektor, die Leute, die vor Ort arbeiten, und dazwischen eine einzige Hierarchieebene, die aus elf Personen besteht. Die Führungskräfte haben eine grosse Autonomie, sind operationell tätig und haben aber auch die Fähigkeit, ihre jeweiligen Abteilungen zu leiten. Das führt zu weniger Schichten und damit zu weniger Belastung.

Wir haben ein höheres Pflege-Patienten-Verhältnis als anderswo. Die Pflegenden haben dadurch viel mehr Zeit, ihre Arbeit auszuüben, und schätzen das. Zudem bieten wir im Teilzeitbereich sehr flexible Arbeitsbedingungen.

Müssen Sie auf bestimmte Investitionen verzichten?

Wir verzichten auf alle Investitionen, bei denen das Kosten-Nutzen-Verhältnis nicht ausreichend ist. Wenn wir zum Beispiel zwischen zwei Geräten schwanken, stellen wir uns immer diese Frage. Es gilt immer abzuwägen und alle finanziellen Konsequenzen zu bedenken. Mein Leitmotiv lautet: Ich gebe keinen Franken aus, den ich nicht schon vorher auf die Seite gelegt habe.

Darüber hinaus verfolgen Sie eine besondere Philosophie.

Die Ärzt:innen, die im Daler Spital operieren, sind unabhängig; sie werden pro Operation bezahlt, unabhängig davon, wie viel Zeit sie dafür aufwenden. Je schneller sie arbeiten, desto mehr Zeit bleibt ihnen für Beratungen, administrativen Tätigkeiten, usw. Mit dieser Art der Bezahlung können sie dazu motiviert werden, effizienter zu arbeiten, weniger Zeit, Infrastruktur und Ressourcen zu verbrauchen. Diese unternehmerische Philosophie ist bei uns einzigartig, sie gilt auch für die Belegärzt:innen, denen ich regelmässig für ihre Unterstützung danke; wir müssen darum kämpfen, diese Philosophie auch in Zukunft zu verfolgen.

Wie sichern Sie die Zukunft der Klinik?

Wenn Patient:innen unzufrieden nach Hause gehen, ist das ein Risiko für das Unternehmen. Wir sind sehr wachsam, denn wir sind darauf angewiesen, dass die Patient:innen sich wieder für uns entscheiden. Das ist eine Frage des Überlebens. Unzufriedenheit ist sehr selten, aber jedes Mal, wenn Patient:innen uns auf einen relevanten negativen Sachverhalt hinweist, machen wir uns die Mühe, diese Person zu kontaktieren, uns dafür zu entschuldigen und Massnahmen zu ergreifen, um die Situation zu verbessern. Wir sind gezwungen, dieses Anspruchsniveau aufrechtzuerhalten, es geht um unsere Existenz. Wir werden von diesem Unternehmergeist getragen, der sowohl eine historische Wahl als auch eine Verpflichtung ist.

Beitragsbild: Dr. David Queloz, Direktor des Daler Spitals (zvg)