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18. August 2022

FOCUS Inflation

KOF Konjunkturforschungsstelle

Steigende Prämien belasten die Schwächsten am stärksten

Steigende Gesundheitskosten treffen in der Schweiz vor allem ärmere Haushalte. Dies liegt nicht an der Inflation, sondern an der Finanzierungweise der Gesundheitsausgaben.
Competence Michael Graff

Autor

Prof. Dr.

Michael Graff

Bereichsleiter Konjunktur, ETH Zürich, KOF Konjunkturforschungsstelle

graff@kof.ethz.ch

Die Schweiz unterscheidet sich bei der Finanzierung der Gesundheitsausgaben deutlich von anderen vergleichsweise reichen OECD-Ländern. Hierzulande spielen staatliche Finanzierungen und Leistungserbrin­gungen eine viel geringere Rolle. Beim staatlichen Anteil an den gesamten Gesundheitsausgaben steht die Schweiz ganz zuunterst, er beträgt hier nur gut 30 Prozent und damit nur etwa die Hälfte des OECD-Durchschnitts. Das ist politisch so gewollt und führt in der Schweiz zu hohen Gesundheitsausgaben für die direkt Betroffenen. Beim Anteil der privaten Gesundheitskosten inkl. Krankenversicherung an den Gesamtkosten steht die Schweiz mit fast 70 Prozent im OECD-Vergleich ganz zuoberst, ebenso bei der Höhe der direkten privaten Gesundheitskosten pro Kopf (Franchisen, Zuzahlungen und nicht versicherte Gesundheitskosten).

Prämien steigen stärker als die Konsumentenpreise

Die Entwicklung der privaten Gesundheitsausgaben ist in der Schweiz ein hochpolitisches Thema. Seit der Einführung der obligatorischen Krankenpflegeversicherung 1996 sind die Prämien deutlich stärker gestiegen als das im Landesindex der Konsumentenpreise (LIK) abgebildete allgemeine Preisniveau. Vergleichbare Daten liegen ab dem Jahr 2000 vor. Sie sind unten in der Grafik dargestellt, wobei die Werte für 2022 und 2023 auf noch unvollständigen Jahreswerten bzw. Prognosen der KOF Konjunkturforschungsstelle an der ETH Zürich basieren.

Grafik: Michael Graff auf Basis von Daten des BFS und der KOF

Mit wenigen Ausnahmen stiegen die Krankenversicherungsprämien stärker als die Konsumentenpreise, im langjährigen Durchschnitt um 3,7 Prozent im Vergleich zu 0,6 Prozent beim Konsum, und nachdem die Krankenversicherungsprämien sich von 2019 bis 2022 kaum verändert hatten, wird für 2023 wieder mit einem markanten Anstieg gerechnet. Da die Prämien grob nach Risikoklassen, nicht aber nach Einkommen differenziert sind, leiden insbesondere die einkommensschwächeren Haushalte an einer Erosion ihrer Kaufkraft.

Um anstelle der jetzigen «Pflästerlipolitik» die soziale Schieflage bei den Gesundheitskosten an der Wurzel zu packen, müssten die regionalen Kopfprämien und Verbilligungen durch einkommensabhängige Prämien ersetzt werden.

Die Entwicklung der Krankenversicherungsprämien im obligatorischen Teil ist nicht im LIK abgebildet, wohl aber die freiwilligen Versicherungsprämien und die direkt von den Haushalten getragenen Gesundheitsausgaben. Zu letzteren zählen Zahlungen mit Zwangscharakter (Franchisen, Zuzahlungen) sowie die nicht von der obligatorischen Versicherung gedeckten Leistungen wie Zahnarztkosten. Hinzu kommt der direkte Bezug von Gesundheitsgütern und -dienstleistungen. Wie die Grafik zeigt, ist die Teuerung der Gesundheitspflege im Vergleich zum gesamten LIK vernachlässigbar, im langjährigen Durchschnitt war sie sogar leicht negativ (der grüne Balken in der Grafik zeigt die LIK-Hauptgruppe «Gesundheitspflege»: medizinische Erzeugnisse, ambulante Leistungen und stationäre Spitalleistungen).

Ältere und ärmere Personen stärker belastet

Inflation drückt aus, was der typische Haushalt erlebt. Haushaltsspezifische Inflationsraten können mitunter stark vom Durchschnitt abweichen. Aus der internationalen Forschung ist bekannt, dass Haushalte mit älteren und ärmeren Menschen wegen steigender Gesundheitskosten häufig mit höheren Inflationsraten konfrontiert sind als der Durchschnitt. Dies war in den letzten Jahrzehnten auch in der Schweiz der Fall, hier aber allein prämiengetrieben. Die Betrachtungsweise der Gesundheitskosten verbirgt die steigende Belastung der Ältesten und Ärmsten durch den Anstieg der Krankenversicherungsprämien.

Auffällig ist in der Schweiz auch, dass nicht nur bei den Versicherungsprämien, sondern auch bei den direkt bezahlten Gesundheitskosten der Anteil am Einkommen bei ärmeren höher als bei bessergestellten Haushalten ist. Mit steigendem Einkommen sinkt hierzulande der Anteil am Haushaltsbudget von Zahlungen mit Zwangscharakter und von Leistungen, die nicht von der Versicherung gedeckt sind, während anderswo üblicherweise dieser Anteil mit steigendem Einkommen ansteigt, man sich also einen höheren Ausgabenanteil für die Gesundheit leistet.

Die Politik ist nicht untätig, v. a. werden laufend Bemessungsgrundlagen und Umfang der Prämienverbilligungen geändert. Dadurch entstehen aber aufgrund willkürlicher Einstufungen neue Ungerechtigkeiten. Da bei der obligatorischen Krankenversicherung nicht nur kantonale Unterschiede bestehen, sondern auch noch unterschiedliche «Risikogebiete», können die effektiven Gesundheitskosten für ansonsten gleiche Haushalte je nach Wohnort sehr unterschiedlich ausfallen.

Um anstelle der jetzigen «Pflästerlipolitik» die soziale Schieflage bei den Gesundheitskosten an der Wurzel zu packen, müssten die regionalen Kopfprämien und Verbilligungen durch einkommensabhängige Prämien ersetzt werden.

Beitragsbild: Pexels, Matthias Zomer