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18. August 2022

FOCUS Inflation

Hirslanden-Gruppe

Steigende Inflation auf dem Buckel der Leistungserbringer

Staatliche Regulierung schränkt den Spielraum ein, mit der Inflation umzugehen. Darauf sollten die Spitäler und Kliniken vermehrt hinweisen.
Competence Daniel Liedtke

Autor

Daniel Liedtke

CEO Hirslanden-Gruppe

info@hirslanden.ch

Betrachtet man die Preisentwicklung der letzten 40 Jahre, sind v. a. Essen, Trinken, Hotellerie und Bildung teurer geworden.¹ Alle diese Bereiche sind arbeitsintensiv und durch Automatisation beschränkt substituierbar, wohingegen bei der Produktion von Waren Rationalisierungen stärker wirken. Diese dämpfen in funktionierenden Märkten in aller Regel die Preise für Kunden. Auch das Gesundheitswesen ist arbeitsintensiv und das Automatisierungspotenzial ist limitiert, dies gilt insbesondere für die Arbeit der Health Professionals. Dennoch blieben die Tarife während der letzten 40 Jahre stabil oder sanken sogar.

Steigende Gesundheitsausgaben haben von 1990 bis 2010 gemäss Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) die durchschnittliche Lebenserwartung um etwa drei Jahre erhöht.

Manch einer wird nun auf die unbestritten steigenden Gesundheitsausgaben hinweisen wollen. Nein, diese sind aber nicht Folge steigender Preise. Sie sind v. a. auf qualitätsverbessernde Massnahmen, Komplexität und Innovation (z. B. Fortschritte bestimmter Krebs-Therapien) und auf eine deutlich erhöhte Menge z. B. als Folge demografischer Entwicklungen und medizinischer Möglichkeiten zurückzuführen. Auch die oft zitierte aber umstrittene Verschwendung und/oder Überversorgung im Gesundheitswesen kann nicht alleine den Leistungserbringern in die Schuhe geschoben werden. In einer Bedrohungslage sind Menschen für schnell verfügbare medizinische Kapazitäten dankbar und erwarten von den Gesundheitsdienstleistern oft weit mehr als streng medizinisch notwendig, das lehrt uns die COVID-Pandemie.

Immerhin haben gemäss Berechnungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) steigende Gesundheitsausgaben von 1990 bis 2010 die durchschnittliche Lebenserwartung um etwa drei Jahre erhöht, die Erhöhung des Bildungsniveaus und des Einkommens je um knapp zwei Jahre. Der Rückgang des Tabak- und Alkoholkonsums brachte ein weiteres zusätzliches Lebensjahr.²

Teuerung ist kein Schreckgespenst, wenn…

Inflation ist grundsätzlich nichts Aussergewöhnliches und betriebswirtschaftlich kein Schreckgespenst, wenn mindestens zwei Bedingungen erfüllt sind: Sie ist nicht zu hoch und Betriebe können sie in einem funktionierenden Wettbewerb weitergeben. Beides ist im Schweizer Gesundheitswesen aber nicht erfüllt. Konkret: Die Ausgaben zur Sicherstellung des Spitalbetriebs entwickeln sich zunehmend inflationär, können aber, zumindest nicht zeitgerecht, weitergegeben werden.

Kurzfristig sind Teuerungsklauseln in Tarifverträgen – wie in anderen Branchen und Ländern üblich – unumgänglich, mittelfristig sollten wir mehr Qualitätswettbewerb wagen.

Ist dieses Marktversagen vorsätzlich kreiert?

Zugegebenermassen hat die Inflation die Spitäler in den letzten Jahren wenig interessiert, denn die Teuerung verharrte nahezu bei null. Zudem konnten Auslastungspotenziale erschlossen werden. Nun scheint ein Wendepunkt erreicht: Makroökonomisch unsichere Entwicklungen, steigende Inflation und damit verbundener erhöhter regulatorischer Druck auf Tarife bei gleichzeitig höheren Löhnen für die Pflege, inflationären Material- und Investitionskosten und versicherungsseitiger Ablehnung von Inflationsklauseln in OKP- und VVG-Verträgen werden die Spitalbetreiber in Finanzierungsprobleme treiben. Diese Entwicklung dürfte mit politischen Vorstössen zu Kostenzielen (sprich Globalbudgets) noch akzentuiert werden.

Kurzfristig sind daher Teuerungsklauseln in Tarifverträgen – wie in anderen Branchen und Ländern üblich – unumgänglich, mittelfristig sollten wir mehr Qualitätswettbewerb wagen. Denn inakzeptabel ist die aktuelle Situa­tion: Der gestalterische Spielraum wird durch staatliche Regulierung behindert und die steigende Inflation auf dem Buckel der Leistungserbringer ausgetragen. Spitäler und Kliniken täten gut daran, diese Entwicklung vermehrt aufzuzeigen.

1Iwan Städler, Was wurde teurer, was billiger? Preisvergleich 1982-2022, in: Tages-Anzeiger, Nr. 128, 3. Juni 2022.

2Hansueli Schöchli, Die Preise bleiben stabil – doch die Prämien steigen, in: Neue Zürcher Zeitung, Nr. 271, 21. November 2019.

Beitragsbild: istock, Sirikunkrittaphuk

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