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7. November 2023

H+ Generalversammlung

«Spitäler werden an ihre Grenzen kommen»

«Früher fragten sich die Spitäler: Wer kriegt die Patient:innen zur Behandlung? In Zukunft werden sich Spitäler und Kliniken der Frage stellen müssen, ob sie überhaupt die Kapazitäten schaffen können, alle Patient:innen zu behandeln.» Nach zwölf Jahren im H+ Vorstand tritt Rolf Zehnder zurück. Competence hat ihn um eine Bilanz seiner Tätigkeit gebeten.
Competence Sarah Fogal

Autorin

Sarah Fogal

Redaktionelle Koordination Competence

sarah.fogal@hplus.ch

Competence Martina Greiter

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Martina Greiter

Redaktorin Competence deutsche Schweiz

martina.greiter@hplus.ch

Rolf Zehnder, Sie waren während zwölf Jahren im H+ Vorstand, fünf Jahre davon als Vize-Präsident und treten nun anlässlich der H+ Generalversammlung vom 8. November 2023 zurück. Welche bedeutenden Veränderungen haben Sie während Ihrer Amtszeit miterlebt?

Rolf Zehnder, CEO der Spital Thurgau AG und der thurmed AG

Als ich in den H+ Vorstand gewählt wurde, waren die leistungsbezogenen Fallpauschalen (DRG) vor der Umsetzung. Trotz viel Kritik und grosser Befürchtungen, dass dies die Medizin und die Spitäler in den Ruin treiben würde – siehe da – ging die Welt nicht unter. Heute, mehr als zehn Jahre nach der Einführung von SwissDRG, funktioniert das System problemlos – damit ist nicht die Tarifhöhe der Baserate gemeint. Mit jeder DRG-Version wird das Fallpauschalensystem jährlich verbessert.

Wie haben Veränderungen während Ihrer Amtszeit die Gesundheitsversorgung und insbesondere die Spitäler und Kliniken in der Schweiz beeinflusst?

Meine Startzeit war geprägt von einem liberalen Aufbruch, der die Spitalwelt in den Nullerjahren erfasste. Unternehmerische Eigenständigkeit der Spitäler beflügelte uns. In der zweiten Hälfte meiner Amtszeit wurde dieser Aufbruch abgelöst durch erneut massive und lähmende etatistische Tendenzen auf Ebene Bund und Kantone einerseits. Andererseits rufen seither viele Spitäler zu oft und unüberlegt nach staatlicher Hilfe und ärgern sich dann über staatliche Einmischung. Die COVID-19-Pandemie hat diese Entwicklung massiv beflügelt. Heute rutschen wir de facto wieder in ein System der Objektfinanzierung, das gilt es zu verhindern.

H+ wird heute in Bundesbern ganz klar stärker wahrgenommen als noch vor zwölf Jahren, da sind uns gute Schritte gelungen, weitere müssen folgen.

Welche zentralen Herausforderungen sehen Sie für die zukünftige Entwicklung des Gesundheitswesens in der Schweiz, insbesondere im Hinblick auf die Rolle der Spitäler und Kliniken?

Die letzten zwei Jahrzehnte waren in der Somatik geprägt durch die Frage: Wer kriegt den Patienten zur Behandlung? In den nächsten zwei Jahrzehnten wird die Frage mehr und mehr lauten: Wer kann überhaupt Kapazität schaffen, die Patientin zu behandeln? bzw. Wer muss den Patienten behandeln? Infolge des Ausscheidens der Babyboomer aus dem Arbeitsmarkt und der finanziellen Herausforderungen wird unsere Hauptsorge sein, wie die Spitäler die vielen Patient:innen behandeln können, insbesondere die vermehrt älteren und kränkeren Menschen, die aufgrund des demografischen Wandels auf die Branche zukommen werden. Das wird die wahre, gemeinsame Herausforderung sein, der wir uns heute konstruktiv stellen sollten.

Ich freue mich, wenn die H+ Vorstandsmitglieder nicht nur die kurzfristigen Interessen ihrer Mitgliedergruppierung im Auge haben, sondern ebenso die sinnvolle Entwicklung der Spitalbranche und des Gesundheitssystems.

Können Sie einige der wichtigsten Meilensteine in Ihrer Zeit im H+ Vorstand hervorheben?

H+ wird heute in Bundesbern ganz klar stärker wahrgenommen als noch vor zwölf Jahren, da sind uns gute Schritte gelungen, weitere müssen folgen.

Mein Bestreben vor zwölf Jahren war, dass H+ viel stärker in der Arbeitgeber- und Bildungspolitik frühzeitig prägend wirkt, insbesondere auch in der ärztlichen Weiterbildung, welche die Organisation der Spitäler fundamental prägt. Hier sind wir zwar einige erste Schritte vorangekommen, aber leider noch nicht weit genug. Diese Aufgabe muss ich nun unfertig meinen Nachfolger:innen überlassen.

Welchen Ratschlag würden Sie Ihrem Nachfolger, ihrer Nachfolgerin mit auf den Weg geben?

Ich freue mich, wenn die Vorstandsmitglieder nicht nur die kurzfristigen Interessen ihrer Mitgliedergruppierung im Auge haben, sondern ebenso die sinnvolle Entwicklung der Spitalbranche und des Gesundheitssystems.