
Das Schweizer Sepsis-Programm macht mit Erlebnisberichten auf diese Thematik aufmerksam, darunter auch mit der Geschichte von Roger von Klaveren.
Im Frühling 2023 fühlte sich Roger van Klaveren während zweier Wochen zunehmend schlecht. Damals arbeitete der Allrounder als Wirt in Basel und versuchte, den Alltag weiterhin zu bewältigen. Aber an einem Sonntag Ende April bemerkte er plötzlich, dass sein Körper nicht mehr mitmachte. «Ich dachte zuerst, das vergeht wieder, aber als ich mich nicht mehr bücken konnte, wusste ich, dass etwas richtig Schlimmes im Gang ist.» Er fuhr ins Spital, wo man ihn zur weiteren Behandlung und Überwachung behielt.

An alles, was danach geschah, hat er keine Erinnerung mehr. Was mit seinem Körper und in den Behandlungen passierte, weiss er nur aus den nachträglichen Erzählungen. Er erlitt einen Darmdurchbruch. Die Ärzt:innen versuchten, den Darm zu reparieren, aber dieser war bereits abgestorben. Es folgte ein multiples Organversagen: Die Nieren stellten ihre Funktion ein und konnten das Blut nicht mehr reinigen. Deshalb musste eine Dialyse-Maschine diese Aufgabe übernehmen. Ihm wurde ein Stoma, ein künstlicher Dünndarmausgang, gelegt. Und er wurde in ein Koma versetzt. Vier Wochen lang schwebte er zwischen Leben und Tod.
Als er das Bewusstsein wiedererlangte, war bereits klar, wie gravierend die Schäden waren. Die Sepsis hatte seine Durchblutung massiv beeinträchtigt. Gegen Ende Mai wurden beide Unterschenkel amputiert. Später folgte die Teilamputation von insgesamt fünf Fingern. Während der gesamten Zeit lag Roger van Klaveren auf der Intensivstation. Anfangs wurde er mit einem Schlauch beatmet und konnte nicht sprechen. «Viele konnten meine Lippen nicht lesen. Das war extrem schwierig für mich», sagt er.
Was ist Sepsis
Sepsis ist ein lebensbedrohlicher Notfall, der entsteht, wenn die körpereigene Abwehrreaktion auf eine Infektion das eigene Gewebe und die Organe schädigt. Ohne frühzeitige Erkennung und Behandlung kann sie rasch fortschreiten, zu Organversagen und septischem Schock führen und tödlich enden. Weltweit zählt Sepsis zu den häufigsten Ursachen vermeidbarer Sterblichkeit und Morbidität.
Nach der Intensivphase wurde er auf die Normalstation verlegt. Er konnte sich kaum bewegen. Wegen einer schmerzhaften Druckstelle der Haut durch langes Liegen, musste er regelmässig in Seitenlage gebracht werden. Das war für ihn schwer auszuhalten. Die Wunden heilten schlecht, vor allem am Kopf. Während dieser Zeit erlebte er auch Phasen eines Deliriums «Ich habe mit Bildern an der Wand gesprochen. Ich dachte, sie reden mit mir.» Später konnte er mit Ergo- und Physiotherapie beginnen. Das Pflegepersonal beeindruckte ihn tief: «Die haben alle für mich gekämpft».
Nach seinem Spitalaufenthalt konnte er in die Rehabilitation nach Rheinfelden wechseln. Doch auch dort gab es Rückschläge: Seine Bauchdecke war nach der Operation noch offen, wollte nicht zuwachsen und sprang immer wieder auf. In der Reha zog er zum ersten Mal die Prothesen an. «Das war Horror», sagt er. «Der Kopf sagt: Es tut weh, auch wenn es eigentlich nicht weh tut.» Das Stoma machte das Aufstehen zusätzlich schwierig. Trotzdem machte Roger van Klaveren rasch Fortschritte. Mitte Oktober 2023 verliess er die Reha, mit den Beinprothesen selbständig gehend. «Mein Therapeut war unglaublich unterstützend,» sagt er dankbar im Rückblick.
Sepsis kann jeden treffen, doch Prävention, frühes Erkennen und schnelle Behandlung können Leben retten.
Seine Beiz führte van Klaveren bis zur Fasnacht weiter. Danach musste er aufhören. «So viele Stunden stehen geht nicht mehr.» Zu langes Sitzen ist wegen des Stomas schwierig, zu langes Stehen wegen der Prothesen. Er suchte nach einer Tätigkeit, die Sinn ergibt. «Ich möchte Betroffene motivieren, ihnen Mut machen». Auf Social Media teilt er seine Erfahrungen mit seinen Followern. «Die Ärztinnen und Ärzte haben mir ein Leben zurückgegeben», sagt er. «Jetzt will ich anderen helfen, die in derselben Situation sind.» Er ist dankbar für das, was er vom Leben noch hat, und blickt positiv in die Zukunft.
Trotz seiner erheblichen gesundheitlichen Einschränkungen stellt sich Roger van Klaveren einer ausserordentlichen Herausforderung. Im Mai 2026 will der 53-Jährige zu einem Triathlon von Basel nach Gran Canaria aufbrechen: zu Fuss (rund 1400 km), mit Zug und Bus (rund 1000 km) und mit der Fähre (1300 km). Insgesamt 112 Tage. Mit dem Projekt «WALK for SEPSIS Prävention» möchte er ein starkes Zeichen setzen: Sepsis kann jeden treffen, doch Prävention, frühes Erkennen und schnelle Behandlung können Leben retten. Mit seiner Aktion möchte er mehrere soziale Organisationen unterstützen.
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