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23. November 2021

Focus Humanfaktoren

Patientensicherheit Schweiz

Selbstevaluation und Feedback

Das Pilotprogramm «progress! COM-Check – Sichere Chirurgie» zeigt, wie Spitäler die Checklisten-Compliance messen und verbessern können.
Competence Annemarie Fridrich

Autorin

Dr.

Annemarie Fridrich

Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Stiftung Patientensicherheit Schweiz

fridrich@patientensicherheit.ch

Studien zur chirurgischen Checkliste zeigen, dass das Operationspersonal die Checkliste nicht immer mit der gleichen Konsequenz und Qualität anwendet. Aus diesem Grund hat Patientensicherheit Schweiz das nationale Pilotprogramm «progress! COM-Check – Sichere Chirurgie» durchgeführt. COM-Check steht für Compliance mit der chirurgischen Checkliste. Eine hohe Compliance bedeutet, dass die drei Teile der chirurgischen Checkliste bei jedem Eingriff vom ganzen Opera­tionsteam korrekt angewendet werden.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit im Operationssaal. (Foto: BZ Pflege)

12 Betriebe (Akutspitäler, Spezialkliniken, etc.) mit 15 Standorten aus der ganzen Schweiz nahmen von Januar 2020 bis September 2021 am Programm teil. Interprofessionelle Teams bestehend aus leitenden Ärztinnen und Ärzten der Chirurgie und Anästhesie sowie Fachpersonen der Opera­tions- und Anästhesiepflege legten Ziele für ihr Compliance-Monitoring fest und wurden in Beobachten und Feedbackgeben geschult. Anschliessend führten sie Compliance-Messungen sowie Beobachtungen mit unmittelbarem, kollegialem Feedback an das beteiligte Operationsteam durch.

Gute Compliance mit Schwächen

Während der Datenerhebung (Nov. 2020 – März 2021) erfassten die Betriebe Daten zu 8622 Eingriffen. Bei 99 % der Eingriffe wurden Teile der chirurgischen Checkliste bearbeitet, aber nur in 79 % wurden alle drei Checklistenteile angewendet.

Zusätzlich erfassten die Betriebe Daten zu 715 Beobachtungen. Dabei zeigte sich, dass die Checkliste in 90 % der Beobachtungen zum richtigen Zeitpunkt angewendet wurde und in 88 % der Fälle alle relevanten Teammitglieder dabei anwesend waren. Allerdings pausierten nur in 61  % der Fälle alle ihre Arbeit während der Checklistendurchführung. Zudem zeigte sich Optimierungsbedarf bei der Kontrolle einzelner Checklistenitems: Zum Beispiel wurde die Identität unmittelbar vor Schnitt in 97 % der Fälle verbal aufgerufen, aber nur in 45 % visuell kontrolliert.

Positive Reaktion auf Feedback

Bei 79 % der Beobachtungen konnte direkt im Anschluss Feedback zur Checklistendurchführung gegeben werden. In 51 % der Feedbacks wurde positives Verhalten verstärkt, in 31 % Verbesserungspotenzial aufgezeigt und in 18 % Unklarheiten diskutiert. Das Operationsteam reagierte in 64 % der Fälle hauptsächlich positiv auf das Feedback.

Bei der Programmevaluation (N = 27) gaben 93 % der Befragten an, dass der Aufwand für die Durchführung von zehn Beobachtungen mit Feedback pro Person gut machbar war. Die Mehrheit der Befragten möchte die Compliance-Messung zur Häufigkeit der Checklistenanwendung (67 %) und die Live-Beobachtungen im Operationssaal (63 %) weiterführen.

Fazit

Insgesamt zeigte sich, dass die chirurgische Checkliste in vielen Betrieben sorgfältig angewendet wird. Dennoch gibt es im Hinblick auf einzelne Items und Durchführungsaspekte Optimierungspotenzial. Für eine nachhaltige Checklistenanwendung in hoher Durchführungsqualität empfiehlt Patientensicherheit Schweiz ein regelmässiges Monitoring der Compliance mit Beobachtung und Feedback. Instrumente und Anleitungen sind in der Schriftenreihe 5+ COM-Check – Sichere Chirurgie publiziert. 

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