Kinästhetik, Pflege
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11. Juni 2024

Background

Pflege, Therapie und Betreuung

Kinästhetik – ein neuer Beruf etabliert sich

Der Kinästhetik-Grundkurs ist fixer Bestandteil der Pflege-Grundausbildung. Neu unterstützen Spezialist:innen für angewandte Kinästhetik die Etablierung der Kinästhetik in Spitälern und Kliniken.
Competence Caroline Rüttimann Remund

Autorin

Caroline Rüttimann Remund

Spezialistin für angewandte Kinästhetik, Universitätsklinik für Intensivmedizin, Inselspital, Universitätsspital Bern

caroline.ruettimannremund@insel.ch

Die Bewegungsteuerung ist komplex. Ziel der Kinästhetik ist es, Menschen für ihre Bewegungswahrnehmung zu sensibilisieren und sie zu befähigen, ihre Bewegung bei Aktivitäten und Interaktionen gesundheitsfördernd einzusetzen. Seit 2019 können Berufspersonen aus Pflege, Therapie und Betreuung nach der Trainerausbildung die eidgenössische Berufsprüfung zur Spezialistin, zum Spezialisten für angewandte Kinästhetik absolvieren. Die Trägerschaft bilden die OdASanté und Kinaesthetics Schweiz. Welchen Beitrag leisten dieses neue Berufsbild und kinästhetisch geschultes Personal im Umgang mit aktuellen Herausforderungen?

Beitrag zur nachhaltigen Genesung

Die Frühmobilisation ist eine etablierte Methode, um die Genesung insbesondere schwer und chronisch kranker Menschen zu fördern und die Hospitalisationsdauer zu verkürzen. Kinästhetische Bildung ermöglicht es Pflegenden, alltägliche Pflegemassnahmen zu nutzen, um Bewegung nachhaltig zu fördern. Dadurch können die Pflegenden zeit- und personalintensive Aktivitäten reduzieren.

Beitrag zum Gesundheitsschutz

Gemäss der Kampagne «Cleverer Transfer» der Suva, die von Kinaesthetics Schweiz mitgetragen wird, leiden 71 Prozent der Pflegenden unter Rückenschmerzen. Ein krankheitsbedingter Ausfalltag kostet einen Betrieb rund 1000 Franken.
Mit kinästhetischer Bildung lernen Mitarbeitende, Hilfestellungen für Patient:innen auch in komplexen Situationen möglichst ohne Gewichtsübernahme zu gestalten und auch der eigenen Gesundheit Sorge zu tragen.

Bettina Ischi, Dipl. Pflegefachfrau HF, Fachleitung Kinästhetik,
Solothurner Spitäler AG (SoH), bettina.ischi@spital.so.ch

Frau Ischi, wie wird Kinästhetik in den Solothurner Spitälern implementiert?
Die Solothurner Spitäler haben ein Kinästhetik-Konzept mit mehreren Kompetenzstufen entwickelt: Eine überbetriebliche fachliche Leitung zu 60 Prozent koordiniert die kinästhetische Bildung, Projektentwicklung und -implementierung, wie aktuell das Projekt «Cleverer Transfer» der Suva. Zwei Spezialist:innen für angewandte Kinästhetik mit je einem 20-Prozent-Pensum in Solothurn und Olten sind verantwortlich für die Schulung vor Ort im Regelbetrieb. Sie unterstützen Mitarbeitende bei Fragen zur eigenen körperlichen Belastung und machen Praxisbegleitung in komplexen Patientensituationen. Zusätzlich halten auf jeder Abteilung ein bis zwei Mitarbeitende mit einem Peer-­Tutoring-Kurs das Thema mit direkter Hilfestellung und kurzen Inputs aktuell.

Was bewirkt die Integration der Kinästhetik in den Praxisalltag?
Die Mitarbeitenden lernen, Unterstützungssituatio­nen systematisch zu analysieren. Spezialist:innen für angewandte Kinästhetik entwickeln gemeinsam mit allen Beteiligten schonende, angepasste Bewegungsvarianten, entsprechend den vorhandenen Kom­petenzen. Patient:innen werden beispielsweise beim Zur-Seite-Drehen oder beim Aufsitzen an den Bettrand so unterstützt, dass sie gezielt in ihrer Mobilität und Selbständigkeit gefördert werden.

Welches sind konkrete Anwendungsbereiche?
Kinästhetische Fachexpertise ist hilfreich in der interdisziplinären Zusammenarbeit bei pflegerelevanten Themen wie Delir, Dekubitus- und Sturzprophylaxe, aber auch in Arbeitsbereichen, wo das Personal gefährdet ist, sich körperlich zu überlasten, beispielsweise im Operationssaal oder in der Radiologie. Kinästhetik findet auch Anwendung bei der Beurteilung von Hilfsmitteln und als Mithilfe bei der Indikationsstellung für Wechseldruckmatratzen, was hilft, die Kosten zu reduzieren.

Vielfältiges Berufsbild

Spezialist:innen für angewandte Kinästhetik – Pflegende, Physio- und Ergotherapeut:innen, Sozialpädagog:innen etc. – fördern die Kompetenz der Mitarbeitenden, die eigene Bewegung im beruflichen Alltag bewusst wahrzunehmen und an jede Situation anzupassen, dass sie sich körperlich nicht überlasten. Sie sind Fachpersonen für eine ressourcenorientierte Mobilitätsförderung von Patient:innen. Sie entwickeln mit den Beteiligten angepasste Unterstützungsangebote, arbeiten interdisziplinär mit allen an Pflege und Therapie beteiligten Fachpersonen zusammen, beraten Angehörige und tragen dazu bei, dass sich Pflegende als wirksam erfahren – eine wichtige Voraussetzung, um die Freude am Beruf zu erhalten.

Etablierung im eigenen Betrieb

Um das Basiswissen erfolgreich in die Praxis zu transferieren, braucht es Vorbilder und Personen mit vertiefter Ausbildung. Diese Rolle können die Spezialist:innen für angewandte Kinästhetik übernehmen. Ein Kinästhetik-Konzept ist hilfreich, um diesen neuen Beruf im Betrieb zu implementieren.

Beitragsbild: Bei Teaminputs werden komplexe Unterstützungssituationen bearbeitet. Konzeptblickwinkel der Kinästhetik dienen als Werkzeug zur systematischen Analyse und zur Ermittlung von Varianten, um Pflegende und Patient:innen zu mehr Möglichkeiten zu führen (Fotos: Bettina Ischi, soH).