Wie gelingt es Balance zu halten zwischen besseren Arbeitsbedingungen und den damit verbundenen Massnahmen? Pflegeinitiative Canva
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9. Juni 2026

Focus Pflegeinitiative

Kanton Graubünden

Kantonaler Gesundheitsdirektor: Wieviel ist uns gute Pflege wert?

Die Kantone sollen für die Übergangsfinanzierung der Pflegeinitiative geradestehen. Eine tatsächlich komplexe Aufgabe mit vielen Fragezeichen.
Competence Peter Peyer

Autor

Peter Peyer

Regierungsrat, Vorsteher Departement für Justiz, Sicherheit und Gesundheit, Kanton Graubünden

peter.peyer@djsg.gr.ch

Die zweite Etappe in der Umsetzung der Pflegeinitiative gleicht einer Spagatübung. Wir sind uns einig, dass wir die Rahmenbedingungen für Pflegeberufe verbessern wollen, damit diese Branche an Attraktivität gewinnt. Gleichzeitig müssen wir aber den Bedürfnissen der Institutionen in der Gesundheitsversorgung vor Ort Rechnung tragen. Die grosse Frage lautet: Wie gelingt es Balance zu halten zwischen besseren Arbeitsbedingungen und den damit verbundenen Mehrkosten?

Ist die Bevölkerung bereit, die Mehrkosten mitzutragen, wenn diese sich in höheren Prämien und Steuern widerspiegeln?

Ein paar Fakten nüchtern betrachtet

Wird die Höchstarbeitszeit in der Pflege reduziert, müssen die Institutionen mehr Personal einstellen, um die Gesundheitsversorgung im bisherigen Umfang sicherzustellen. Dies führt zu höheren Personalkosten für die Betriebe. Diese Mehrkosten können die Betriebe kaum alleine tragen. Zumindest nicht so lange, bis die Mehrkosten in den Tarifen abgebildet sind.

Ist die Bevölkerung, die für das Pflegepersonal mit grosser Mehrheit bessere Anstellungsbedingungen wünscht, auch dazu bereit, diese Mehrkosten mitzutragen, wenn sie sich in höheren Prämien und Beiträgen der öffentlichen Hand widerspiegeln? Vielleicht. Hier braucht es aber Lösungsvorschläge, die mit den bestehenden Tarifmodellen kompatibel sind. Eine Übergangsfinanzierung der Massnahmen durch die Kantone und den Bund, wie vom Bund vorgeschlagen, greifen zu kurz, weil sie strukturelle Probleme nicht nachhaltig lösen.

Wird es künftig möglich sein, genügend Pflegepersonal zu rekrutieren?

Unabhängig von der Frage der Kostenübernahme stellt sich die Frage, ob es angesichts des Fachkräftemangels überhaupt möglich sein wird, künftig genügend Pflegepersonal zu rekrutieren, um den zusätzlichen Personalbedarf abzudecken. Sicher kontraproduktiv ist hierbei die Idee, mit einem Bevölkerungsdeckel von 10 Millionen auch noch die Rekrutierungsmöglichkeiten aus dem Ausland zu kappen. Der Fachkräftemangel würde dadurch nur noch stärker angeheizt.

Gesundheitsversorgung in der Peripherie, auf dem Foto das Val Müstair (Canva)
Gesundheitsbetriebe in der Peripherie (auf dem Foto das Val Müstair) befürchten schon jetzt, nicht mehr genügend Personal zu finden, um den steigenden Bedarf zu decken. (Foto: Canva)

Die Gesundheitsbetriebe in der Peripherie befürchten schon jetzt, nicht mehr genügend Personal zu finden, um den steigenden Bedarf zu decken. Entsprechend müssen sie sich mit der möglichen Reduktion ihres Angebots oder gar mit der Schliessung des Betriebs auseinandersetzen. Für die Region Südbünden ein leider realistisches Szenario. Dies würde nicht nur die einheimische Bevölkerung treffen. Auch den Tourist:innen, die diese Regionen gerne besuchen, würde ein entsprechendes medizinisches Angebot nicht mehr zur Verfügung stehen. Auch hier: Wollen wir das? Nein.

Attraktivität des Pflegeberufs muss gesteigert werden

Das Ziel der Umsetzung der Pflegeinitiative muss ganz klar sein, die Attraktivität des Pflegeberufes mit entsprechenden Massnahmen zu steigern und gleichzeitig den unterschiedlichen Versorgungsrealitäten im Schweizer Gesundheitswesen Rechnung zu tragen.

Zum jetzigen Zeitpunkt spielt der Fachkräftemangel in der Branche den einzelnen Arbeitnehmer:innen in die Hand. Wer über die entsprechenden Qualifikationen verfügt, kann mittlerweile die Arbeitsbedingungen diktieren. Aber allein dadurch werden die Arbeitsbedingungen in der Branche insgesamt nicht attraktiver.

Mit attraktiveren Aufgaben und mehr Verantwortung können attraktivere Arbeitsbedingungen in der Pflege geschaffen werden.

Die Kantone brauchen nicht mehr Vorgaben seitens des Bundes, sondern gerade in der Gesundheitsbranche Spielraum, um neue Modelle zu erproben und umzusetzen. In Graubünden könnten künftig beispielsweise pflegegeführte Gesundheitszentren in einigen Gebieten Hausarztpraxen ersetzen; eine gute Vernetzung mit den übrigen Anbieter:innen im Gesundheitswesen vorausgesetzt. Attraktivere Arbeitsbedingungen in der Pflege können auch durch attraktivere Aufgaben und mehr Verantwortung geschaffen werden. Dass mehr Verantwortung und zusätzliche Aufgaben entsprechend entlöhnt werden müssen, versteht sich von selbst. Wieviel ist unserer Gesellschaft also gute Pflege wert?

Beitragsbild: «Wie gelingt es bei der Umsetzung der Pflegeinitiative Balance zu halten zwischen besseren Arbeitsbedingungen und den damit verbundenen Massnahmen?», fragt Peter Peyer. (Foto: Canva)

   

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